Es zeigt sich, daß die "neue Wirtschaftspolitik" zunehmend ihre Fähigkeit einbüßt, sich aus den ordnungspolitischen Entscheidungen zu begründen, die an der Wiege der sozialen Marktwirtschaft Pate standen; Entscheidungen, die noch immer beschworen werden, wenn es um die Rechtfertigung wirtschaftlicher Privilegien und den Schutz wirtschaftlicher Besitzstände geht.

Es ist deshalb nicht verwunderlich, daß sich die Angriffe der Nachkriegsgeneration gerade gegen die politische Berechtigung ihrer rechtlichen Ordnung und Institution richten. Es ist eine Wirtschaft, die in den Augen dieser Generation nicht mehr dem Ganzen dient, sondern sich selbst, deren Grundsatz nicht Freiheit und Personenwürde, sondern ökonomische Opportunität ist, die nicht vom Volke und seinen Bürgern, sondern von Organisationen und Verbänden getragen wird und dem einzelnen, dem sie zu dienen vorgibt, keinen Raum bietet.

Dieses Bild ist verzerrt und deshalb falsch. Aber die Radikalität und der Rückgriff auf alte Ideologien ist die Antwort der Nachkriegsgeneration auf eine Wirtschaftspolitik, die der Frage nach ihren Werten mit dem Hinweis auf ihre Produktivität, dem Begehren nach erneuter Rechtfertigung mit dem Stolz auf Vollbrachtes und der Forderung nach freiheitlicher Legitimation mit dem Anspruch auf Pragmatismus begegnet.

Ich bin zu sehr mit der Praxis verbunden, um nicht die Schwierigkeiten zu erkennen und zu würdigen, die mit der Verwirklichung ordnungspolitischer Grundsatzentscheidungen im wirtschaftspolitischen Tagesgeschäft verbunden sind.

Nicht von der Eigenverantwortung des Unternehmens ist die Rede – sowenig auf diese Verantwortung auch verzichtet werden kann –, sondern von der rechtlichen "Vertiefung einer echten Verantwortung in der Wirtschaft" (Düsseldorfer Leitsätze) und damit einer politischen Aufgabe. Es ist die Aufgabe des freien Unternehmers, seinen Markt zu erobern, und es ist die Aufgabe der Regierung, ihn daran zu hindern, Monopolist zu werden. In diesem Spannungsfeld sind viele Varianten praktischer Politik denkbar und Raum für die pragmatische Lösung tagespolitischer Probleme.

Aber es gibt einen Punkt, wo das Verhältnis zwischen tagespolitischer Nützlichkeit und ordnungspolitischem Grundsatz in sein Gegenteil verkehrt wird; ein Punkt, an dem die Regierung ihre Neutralität gegenüber einzelnen wirtschaftlichen Interessen verliert, ohne die sie nicht regieren kann. Dieser Punkt ist erreicht, wenn ein Heizölimporteur sich vom Markt verdrängt sieht, ohne im Wettbewerb versagt zu haben, wenn ihm der Zugang zum Rechtsweg abgeschnitten ist und er von seinem Fachverband wegen Preisunterbietung ausgeschlossen wird; und wenn er sich dann mit einer Regierung konfrontiert sieht, die seinen Konkurrenten nicht nur eine Kontrolle ihrer Märkte, sondern auch noch Steuermittel gewährt, diese Kontrolle auszubauen – und all dies mit dem Erfordernis ökonomischer Vernunft rechtfertigt.

Dieser Punkt ist erreicht, wenn die Textilindustrie tiefgreifende Strukturveränderungen aus eigener Kraft und unter Übernahme des vollen Risikos bewältigen muß, während die Regierung zugleich Milliarden an Steuergeldern aufwendet, um der Stahlindustrie die Liquidation ihrer Bergbauinteressen und damit die Konsequenzen einer überholten Verbundpolitik zu erleichtern, ohne daß diese Wohltat die unternehmerischen Rechte der Begünstigten in irgendeiner Weise tangiert.