Von Toni Kienlechner

Hat sich der italienische Bildhauer Giacomo Manzù selber ein „Manzù-Museum“ errichtet? Die soeben eingeweihte Sammlung „Amici di Manzù“ (Freundeskreis Manzùs) ist weiträumig wie eine Fabrik, modern und gediegen ausgestattet wie ein Sanatorium und wurde so feierlich eröffnet wie eine Mustermesse: Unter den mindestens tausend Gästen waren die Museumsdirektoren und Kritiker Italiens, die Botschafter der USA und der UdSSR, der Kommunistenführer Longo und Ex-Ministerpräsident Fanfani, der Herzchirurg Barnard, Filmproduzent de Laurentiis, viele Schauspieler und viele Monsignori. Das Hilton-Hotel hatte für das Sektbüfett gesorgt. Zu späterer Stunde aber erschien die Dorfjugend von Ardea und verspeiste den Rest der Leckerbissen mitsamt den Konditorarbeiten über den Tafelaufbauten.

Das „Museum bei Lebzeiten“ liegt südlich von Rom an der Pontinischen Straße – in jener Gegend also, die seit der Trockenlegung der Pontinischen Sümpfe sich jetzt, nach zweitausendjähriger Verödung, zu einer modernen Industriezone entwickelt. Links und rechts der Oberlandstraße entstehen blitzende Werkanlagen der Pharmazeutik, Chemie, Feinmechanik, Elektronik, wachsen Hotels und Motels in die Höhe. Dazwischen grüne Campagna bis zum Meer, sanft gewellt, Getreidefelder, riesige gelbe Ginsterbüsche und zaghafte Bäume. Die Ortschaften – Latina, Pomezia, Ardea – sind häßlich zusammengewürfelt. Im Faschismus entstanden, jetzt durch die Kredite der „Cassa del Mezzogiorno von der Landwirtschaft gelöst und zu Industriekernen entwickelt: eine Gegend ohne Tradition – aber mit Zukunft.

Manzùs Privatmuseum ist zweifellos das modernste Museum von Mittel- und Süditalien. Die beiden riesigen Ausstellungshallen sind architektonisch mustergültig. Rundherum ein weiter Garten, gepflegter Rasen, Rosen, Brunnen, einige Plastiken. Stilisierte „Kardinäle“ auf hoher Stele und ein überlebensgroßes „Strip-tease-Mädchen“ aus Goldbronze bewachen den Eingang. In den Ausstellungsräumen dienen „Fernsehaugen“ dem Überwachungsdienst, denn die Vitrinen bergen kostbare Gold- und Silberkleinplastik: Statuetten vom „Betenden Papst Johannes XXIII.“, Figürchen von Tänzerinnen und Faunen, Ketten und Münzen.

Das größte Stück der Sammlung ist ein vier Meter langer barockgeschwungener Bronze-Leiterwagen mit zwei Kindern (oder Putten). Wie Türme ragen die hieratischen „Kardinäle“, die seit zwanzig Jahren Manzùs Lieblingsthema sind. Auf Podesten stehen verschiedene Ausfertigungen des neuesten Themas: „Bronzestuhl mit barockem Fruchtwerk“. An den Rollwänden zahllose Zeichnungen, Aquarelle, Entwürfe zu den Kirchenportalen vom Petersdom, von Salzburg und Rotterdam. Doch das Hauptthema ist „Inge“ – das Bildnis einer jungen Frau, einer Göttin Minerva von heute, das in Zeichnungen, Porträtbüsten und Aktfiguren immer wiederkehrt (Inge S., aus München, ist seit Jahren Manzùs Lebensgefährtin und hat die Errichtung der Sammlung „Amici di Manzù“ inspiriert).

Von den Jugendarbeiten Manzùs ist nur wenig zu sehen. Die zeitlich frühste, ein sehr sensibler kleiner Knabentorso, liegt noch vor der manieristischen Weiterentwicklung. Auch ein Abguß der „Sitzenden Tänzerin“ (auf dem Bronzestuhl) ist vorhanden, mit der, etwa seit 1935, der Ruhm von Giacomo Manzù begann.

Sobald man bei Manzùs frühen Arbeiten und damit bei der Geschichte seiner künstlerischen Karriere angekommen ist, vergißt man das Kopfschütteln und die Frage, was einen heutigen Künstler dazu bewegen mochte, sich selber ein so anspruchsvolles Museum zu errichten oder errichten zu lassen. Man versteht nämlich plötzlich, daß Manzù gar kein „heutiger“ Künstler ist.