Von der „nächsten Währungskrise“ Herbst wurde viel gesprochen – aber wahrscheinlich kommt sie gar nicht

Die Entscheidung ist wohl bereits gefallen. Es darf als sicher gelten, daß Georges Pompidou den Franc nicht abwerten wird. Frankreichs Präsident hätte einen solchen Schritt, wenn er ihn als unvermeidlich ansehen würde, dann gewiß schon im Juni vollzogen. Aber nichts ist geschehen. Und der neue Finanzminister Giscard d’Estaing hat keinen Zweifel daran gelassen, daß er eine Änderung des Wechselkurses ablehnt – jetzt wie später.

Es gibt, wie bei der Frage des Wechselkurses der Mark, Gründe für und gegen eine Abwertung des Franc. Eine Paritätsänderung im Ausmaß von vielleicht zehn Prozent würde natürlich den Franc vom Spekulationsdruck befreien und eine Exportoffensive der französischen Industrie möglich machen. Andererseits würde die Abwertung unvermeidlich zu kräftigen Preissteigerungen führen, weil die Einfuhren entsprechend teurer werden würden. Pompidou und Giscard d’Estaing halten diesen Nachteil für größer als alle Vorteile: Sie fürchten, daß ein Preisauftrieb neue soziale Unruhen auslösen müßte. Paris wird nun versuchen, in einer Art „Konzertierter Aktion“ die Gewerkschaften zur Zurückhaltung bei Lohnforderungen und dadurch die Wirtschaft allmählich wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Wenn aber der Franc nicht abgewertet wird, dann wird es wahrscheinlich auch keine Aufwertung der Mark geben. Die CDU bleibt an Kiesingers Versprechen, den Wechselkurs der Mark auf keinen Fall „einseitig“ zu ändern, auch nach den Wahlen gebunden – die Aufwertung im Herbst wäre wohl nur in dem extrem unwahrscheinlichen Fall zu erwarten, daß es doch zu einer SPD-FDP-Koalition kommen würde. Ein Kanzler der Union wird das Thema „Änderung der Parität der Mark“ nicht auf die Tagesordnung einer Kabinettssitzung setzen – ganz gewiß nicht in diesem, wahrscheinlich auch nicht im nächsten Jahr.

Warum auch? Keines der Übel, die von den Propagandisten der Aufwertung in so beredten Worten geschildert worden sind, hat sich eingestellt. Natürlich, seit der Entscheidung gegen die Aufwertung sind erst acht Wochen vergangen, es ist also noch zu früh, um Bilanz zu ziehen. Immerhin kann man sagen: die befürchtete „Welle der Preissteigerungen“ ist bisher nicht über uns zusammengeschlagen. Noch ist die Teurung geringer als im Durchschnitt der Jahre 1961 bis 1966.

Und von „zunehmender Zerrüttung des internationalen Währungssystems“ (so Professoren in einem Protesttelegramm an Kiesinger) kann auch keine Rede sein. Im Gegenteil: trotz der unverkennbaren Schwäche von Franc und Pfund herrscht Ruhe an den Devisenmärkten. Es ist keineswegs ausgemacht, daß es Ruhe vor dem Sturm ist: wenn Paris und Bonn fest bleiben, kann im Herbst die vorausgesagte neue Währungskrise ausbleiben.

Ganz aufhören wird der Druck freilich nicht. Nicht bevor zumindest die Länder der EWG ihre Wirtschafts- und Währungspolitik gemeinsam konzipieren. Immerhin ist es gut, daß es nun wieder möglich ist, solche Entscheidungen in Ruhe vorzubereiten.

Diether Stolze