Von Ernst Bloch

Die Tage sind länger, aber nicht wärmer geworden. „Nun muß sich alles, alles wenden“, dieser alte Tauwettersong sah und sieht sich, wie oft, widerlegt. Trotzdem wird er nicht aufhören, bis endlich die ungarischen, polnischen, Prager Frühlinge in unserer Welt dauerhafter werden. Und bis umgekehrt nicht so viele Reichstagsbrände gelingen. Die Zeit taugt an sich nicht dazu, Feste zu feiern.

Aber in dieser Zeit leben unter uns Männer wie Ernst Fischer. Was hat er nicht schon alles literarisch durchmessen, ein Dichter, ein Sozialkritiker, Ästhetiker, Marxist von Geblüt, der einstmalige österreichische Kultusminister in Rot und gewiß kein Apparatschik. Die heute dringender denn je fällige Art eines Kulturkommunisten wurde nun endlich auch sogenannten weiteren Kreisen bekannt.

Leben und Werk des Manns decken sich wie selten eines, beide machen auch, sich wechselweise bestätigend, die gereifte Wirkung Fischers aus. Hier ist anima Candida (die am wenigsten, wie Unberufene meinen, mit Innerlichkeit zu übersetzen ist), ist ein tätiger, sich riskierender Geist am Werk, so musisch wie politisch, so theoretisch bedacht wie praktisch gezielt. Die Breite der Begabung umfaßt Lyrik, Historie, kunst- und literarhistorische Essays, und eine marxistische Ästhetik beginnt, die sich fast als einzige nicht davor hütet, Kafka, Musil, Proust, Joyce, Beckett einzubeziehen, statt vor ihnen zu versagen.

Sehr erfahrene Gedichte hat Fischer verfaßt und dazu so entzückend ergreifende wie Übersetzungen Ovidscher Elegien, die dieser gar nicht geschrieben hat. Dramatisiert Episches neuer, ironischer Art, zusammen mit Frau Lou verfaßt, hat es mit dem Barock Altösterreichs zu tun und legt sich an mit Prinz Eugen. Kunsthistorisches in Fischers Schrifttum bringt vor allem eine wichtige Studie zu Goya, und da exempla docent, sei aus ihr eine Stelle hergesetzt, Goyas Blatt „Der Koloß“ betreffend:

„Auf einsamer Erde sitzt ein nackter Riese, zu seinen Häupten die dünne Sichel des vergehenden Mondes und fahl den Horizont hinan das kühle Licht der Morgenfrühe. Auch dieses nackten Riesen Haar und Bart ist verwildert, doch gleicht er nicht dem Saturn, vielmehr dem Prometheus. Sein Gesicht, verdunkelt noch, vom Licht nur berührt, ist erfüllt von Melancholie. Doch nicht die ‚Melancolia‘ ist es, die Dürer gemalt hat, saturnische Versunkenheit des Alchimisten, tiefe Passivität inmitten von Wissenschaft und Aberglauben – sondern die Melancholie dieses Riesen ist eine Nachdenklichkeit, in der die Entscheidung sich vorbereitet. Dieser Riese wird aufstehen; doch was wird er tun? er blickt zurück und denkt voraus – und ehe der Tag beginnt, wird er aufstehen, die Erde zu vernichten oder zu erneuern. Und Goya fragt nicht mehr: ‚Was will das Gespenst?‘ – sondern: ‚Wohin geht die Menschheit?‘ “ (Fischer, Auf den Spuren der Wirklichkeit, 1968, S. 193).

Gegen den sich selbst genügenden, aber jahrzehntelang und noch weiter dauernden Stumpfsinn der üblichen Funktionäre gegenüber Kafka schrieb Fischer (im Osten, wenigstens in der ČSSR starstechend und bahnbrechend):