Von Manfred Wekwerth

Das bürgerliche Theater ist ein gutes Beispiel für einen solchen Widerspruch: einerseits wird das Theater als eine auf keine Sprache reduzierbare Essenz ausgegeben, die sich nur dem Herzen enthülle. Auf Grund dieser Eigenschaft erhält es eine gewittrige Würde (da es ein Verbrechen der Essenzbeleidigung wäre, ist es verboten, wissenschaftlich vom Theater zu sprechen, oder vielmehr wird jede Art und Weise, das Theater intellektuell zu verstehen, mit dem Namen der Verwissenschaftlichung oder Schulfuchserei diskreditiert). Andererseits, gründet die bürgerliche dramatische Kunst auf einer reinen Qualifizierung der Effekte. Ein Kreislauf berechenbarer äußerer Aspekte stellt eine quantitative Gleichheit zwischen dem Geld für die Eintrittskarte und den Tränen des Schauspielers oder dem Luxus des Bühnenbildes her.

Roland Barthes, "Mythen des Alltags"

Brecht hatte eine Vorliebe für solche Begriffe. Er sprach in seinem Theater von Verfremdungseffekten, von Produktivität, von Impulsen. Und es ist auffallend, wie er gerade Begriffe der politischen Ökonomie verwandte, um Vorgänge des Theaters zu bezeichnen, die bis dahin mit dem Schleier göttlicher Intuition umgeben waren. Er leitete im wahrsten Sinne des Wortes einen Ernüchterungsprozeß ein; denn im bürgerlichen Theater galt es als unfein, von Effektivität zu sprechen, von politischen Zwecken oder gar von gesellschaftlicher Produktivität. Noch heute beharrt das spätbürgerliche Theater darauf, daß das nichtengagierte das eigentliche Theater sei.

Es ist klar, daß diese Sorte von Theaterkünstlern bei der Nennung solcher Begriffe wie Effektivität, Produktivität und gesellschaftlicher Impuls zusammenzucken. Und gerade darum ging es Brecht, als er in die Sprache des Theaters wissenschaftliche Begriffe einführte. Nicht, um Kunst durch Wissenschaft zu ersetzen, wie dies oft behauptet wurde, sondern in der Erkenntnis, daß trotz aller Gerüchte die Kunst doch nicht von Gott abstamme, sondern ein Produkt der menschlichen Gesellschaft sei und insofern deren Gesetzen unterliege.

Daß man heute statt Gefühle auch einmal Effekte sagen kann, ohne die Theaterleute in Schrecken zu versetzen, erleichtert uns, neben vielem anderen, die Gespräche mit unseren Freunden in den Chemischen Werken Buna, die wir seit Jahren miteinander haben und für die wir keinen Dolmetscher brauchen.

Aber gerade weil wir uns verständigen können, werden, in den Gesprächen die vielen Schwierigkeiten um so deutlicher: Wenn Theater beansprucht, Arbeit wie jede andere menschliche Arbeit zu sein und keine Zauberei, was ist dann der Effekt dieser Arbeit? Was sein Finelprodukt? Und wie läßt sich planen, was Menschen in zehn Jahren schön, lustig und interessant finden werden?