Von Hans Rothfels

In der amerikanischen Kirche von Bad Godesberg nahmen Deutsche und Amerikaner letzte Woche Abschied von Hajo Holborn, den Lebensweg und Lebensleistung in Wissenschaft und Politik zu einer auch für die breitere Öffentlichkeit denkwürdigen und dankbarer Rückerinnerung würdigen Figur gemacht haben.

Holborn – 1902 in Berlin geboren – gehört zur mittleren Generation der Schüler Friedrich Meineckes. Nach der Promotion bei ihm wurde er 1926 Privatdozent in Heidelberg. Seinen wissenschaftlichen Ruf begründete er durch eine Monographie über Ulrich v. Hutten. Aufsätze über „Protestantismus und die politische Ideengeschichte“ wie auch zur Außenpolitik Bismarcks und zur Diplomatiegeschichte folgten. 1931 wurde Holborn auf den „Carnegie“-Lehrstuhl für Geschichte und internationale Beziehungen an der deutschen Hochschule für Politik in Berlin berufen. Sein Hauptarbeitsgebiet wurde die Entstehung und Geschichte der Weimarer Verfassung. Aus dieser fruchtbaren Tätigkeit riß ihn das Jahr 1933 heraus.

Holborn emigrierte nach den Vereinigten Staaten und wurde zuerst Gastprofessor, dann seit 1938 Professor für Geschichte an der Yale University. Von 1936 bis 1942 war er daneben Professor der Diplomatie an der „Fletcher School of Law an Diplomacy“. Außerdem lehrte er wiederholt als Gast in Harvard, Stanford und an der Columbia University. So ist er durch mehr als drei Jahrzehnte hin der Lehrer von Generationen amerikanischer Studenten gewesen, von denen nicht wenige zu wichtigen Stellungen im öffentlichen Dienst aufgestiegen sind. Zugleich hat er recht eigentlich eine Schule deutscher Gesichtsforschung in den USA begründet.

Seine eigenen Veröffentlichungen galten der deutschen diplomatischen und kulturellen wie der internationalen Geschichte. Sie erfuhren ihre Krönung in dem nach Kriegsende geschriebenen Buch über den „Zusammenbruch des europäischen Staatensystems“ und in einer dreibändigen deutschen Geschichte, von der Reformation bis 1945.

Aber Holborn war nicht nur ein Mann der Lehrkanzel und des Schreibtischs, wenn auch schon als solcher politisch einflußreich durch seine Persönlichkeit mit ihrer überzeugenden Objektivität, wie insbesondere dadurch, daß er deutsche Geschichte für Amerikaner und amerikanische Geschichte für Deutsche interpretierte. Die so gewonnene Autorität ermöglichte ihm darüber hinaus eine bedeutsame Wirksamkeit nach dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Weltkrieg und nach Kriegsende. Er diente als Sachverständiger bei der Forschungsabteilung des „Office of Strategie Services“, er bereitete die Überleitung der Militärverwaltung auf die Zivilverwaltung mit vor, und er hat als Berater des State Department an der bedeutsamen Wendung des Jahres 1946 mitgewirkt, die in der Rede von Byrnes in Stuttgart ihren Ausdruck fand.

Holborn konnte diese Wirksamkeit entfalten, weil er frei von Ressentiments war, weil sein Bild deutscher Geschichte allen propagandistischen Verzerrungen und besonders der These, daß der Nationalsozialismus ihr „logisches Ergebnis“ gewesen sei, scharf entgegenstand und weil er selbst mit ihren besten Überlieferungen in Verbindung geblieben war.