Von Hans Gresmann

Für Höflichkeitsbesuche hat Richard Nixon keine Zeit. Sein Flug nach Asien – ungewöhnlich kurzfristig geplant und angekündigt – wird eine wichtige politische Geschäftsreise sein. Noch ist nicht sicher, ob der Präsident auch nach Vietnam geht. Zwar spielen bei dieser Entscheidung wohl zu allererst Sicherheitserwägungen eine Rolle, aber es würde doch symbolisch anmuten, wenn Nixon dem Kriegsschauplatz fernbliebe. Denn wenn nicht alles trügt, ist diese Reise der Auftakt zu einer neuen Ära amerikanischer Asienpolitik. Ihr Kennwort heißt: Nach-Vietnam.

Bei seinen Gesprächen in Manila, Djakarta, Bangkok, Delhi und Rawalpindi wird Nixon seinen Gastgebern gewiß zu erkennen geben, was die Staaten des nichtkommunistischen Asiens künftig von den Vereinigten Staaten erwarten dürfen – und was nicht. Und dabei wird er differenzierter verfahren als jener Senator Gore aus Tennessee, der es für völlig belanglos hielt, wenn die Kommunisten etwa in Indonesien die Macht übernehmen würden: „Die produzieren, nichts als Reis, und wir brauchen keinen. Was soll es also?“

Sicherlich brauchen die USA keinen Reis aus Asien, aber was sie als Weltmacht brauchen, ist die Gewähr, auch in Zukunft auf die politische Entwicklung in Asien Einfluß nehmen zu können. Es gilt also für Amerika, das Engagement klar zu begrenzen – aber nicht völlig aufzugeben. Und das bedeutet: Den asiatischen Staaten durch wirtschaftliche Hilfe soviel Stabilität zu geben, daß sie mit den aus Peking gesteuerten Subversionsversuchen allein fertig werden können. Nicht GI’s sollen die Krisen bannen, sondern Dollars.

Die Asienreise Nixons wird auf allen ihren Stationen an Ort und Stelle von den dort neuerdings besonders interessierten Sowjets beobachtet. werden. Im Schatten des Vietnamkrieges hat der Kreml es während der letzten Jahre zielstrebig und geschickt verstanden, die Präsenz der Sowjetunion in Asien immer stärker auszubauen.

Sowjetische Kriegsschiffe durchpflügen, immer größerer Zahl die Gewässer des westlichen Pazifiks und des Indischen Ozeans. Längst sind sowjetische Handelsschiffe und sowjetische Matrosen in den Häfen von Singapur, von Bombay oder Hongkong kein ungewohntes. Bild mehr. Auffällig häufig tauchten während der letzten Zeit hohe sowjetische Führer in Asien auf – auch sie auf politischen Geschäftsreisen. Und als vor einiger Zeit bekannt wurde, daß Abgesandte des Kremls sogar auf Formosa beim Generalissimus, Tschiang Kai-schek angeklopft hatten, wurde vollends deutlich, daß die Sowjets bei ihrer Asienpolitik jegliche ideologischen Rücksichten über Bord geworfen haben. Das russische Liebeswerben richtet sich in Asien auch auf Staaten – etwa Malaysia, die Philippinen und Indonesien –, deren Regierungen mit den Kommunisten im eigenen Land zuweilen alles andere als freundlich umgesprungen sind. Fest entschlossen, China machtpolitisch einzukreisen, geben sich die Kremlführer bei ihrer Suche nach neuen Freunden durchaus nicht zimperlich.

Die sowjetische Taktik in Asien ist zuweilen als eine Neuauflage der alten Dulles-Konzeption von der „Eindämmung“ gekennzeichnet worden. Und in der Tat drängt sich dieser Vergleich auf. Dennoch gibt es einen wichtigen Unterschied. Während die Amerikaner versucht haben, Bündnissysteme zusammenzuschweißen, (Cento, Seato, Anzus) konzentrieren sich die Russen bisher auf bilaterale Kontakte. So ist denn auch noch nicht deutlich geworden, ob und in welchem Ausmaß der Kreml bereit ist, jene Kollektivstrukturen zu unterstützen, mit denen die asiatischen Regierungen heute versuchen, die wirtschaftliche Entwicklung ihrer Länder voranzutreiben. Die asiatische Entwicklungsbank, in die bisher die Amerikaner den Löwenanteil eingezahlt haben, könnte Rubel gut gebrauchen. Aus dem japanischen Außenministerium war dieser Tage immerhin zu hören, daß die Russen einen Beitritt, gegen den sie sich früher immer gewehrt haben, jetzt angeblich in Erwägung ziehen.