Von Hansjakob Stehle

Einer der heimtückischsten Feinde der Kommunisten ist ihr eigener Hang zu langem, papierverschlingendem Wortschwall; er begräbt sogar ihre diskutablen Thesen unter einer Dunstglocke von Langeweile. Wenn aber gar 75 kommunistische Parteien zwölf Tage lang ihre Meinungen ausbreiten, wie es jüngst bei der Weltkonferenz der Parteien im Kreml geschah, dann wird die Geduld der "andersgläubigen" Berichterstatter auf besonders harte Proben gestellt. Als Journalisten sind sie daran gewöhnt, Körner aus dem ausgedroschenen Stroh politischer Reden zu picken. So hielten sie sich an die großen Namen, arbeiteten sich durch 59 Seiten Breschnjew-Rede und an die 200 Seiten Ulbricht, Gomulka, Kadar, Ceausescu und Husak hindurch. Wer sich pflichtbewußt dann auch mit allen anderen 69 Redetexten versorgte, trat die Heimreise vom Moskauer Flughafen mit zehn Kilo Übergepäck an – freundlich mit Kaviar bewirtet, doch zugleich auch von der Stewardeß der kosmonautischen Großmacht ermahnt, weder Photolinsen oder Fernrohre aus dem Kabinenfenster aufs Sowjetland zu richten.

Solch wunderlicher Kontrast im Zeitalter der Himmels-Satelliten, der Koexistenz und der Konfrontation, der technischen Revolution und der politischen Reaktion – wer wollte sich darüber wundern? Ein Blick in den Papierkrieg des Reisegepäcks, eine Spätlese von Stoßseufzern und Herzensergießungen kommunistischer Avantgarde aller Länder, lehrt, daß die Widersprüche in der Gesellschaft, die Karl Marx so trefflich zu analysieren wußte, auch vor seinen spät geborenen Geisteserben nicht haltmachen.

Freilich, so versichert uns das Moskauer Schlußdokument, "dem Sozialismus sind keine solchen Widersprüche eigen, wie sie in der Natur des Kapitalismus verwurzelt sind". "Das ist richtig, aber wenig", bemerkte dazu trocken der Italiener Berlinguer. Er hätte gerne diesen angeblichen Unterschied genauer definiert gesehen. Doch plakative Verschwommenheit gehörte gerade zur Technik des Moskauer Schlußdokuments; sie erst machte es möglich, die unzähligen großen und kleinen Widersprüche zwischen den Parteien auf "höherer Ebene" aufzuheben – indem man sie verwischte. Nur aus den Reden ließen sie sich nicht verbannen.

"Kein Dokument kann die internationale Wirklichkeit in ihrer ganzen Fülle widerspiegeln", sagte resignierend der Delegierte der KP Lesothos, des früheren Basutolandes in Afrika. Er, der über etwa 50 (in Worten: fünfzig) Mitglieder regiert und sich sichtlich daran ergötzte, vor so erlauchten Kreml-Publikum zu reden, klagte darüber, "daß es Menschen gibt, die meinen, die Welt bestehe nur aus Europa und Amerika". Dabei führten sich gerade in Afrika die Chinesen "wie wildgewordene Elefanten" auf. In einem solchen "Dschungel des Klassenkrieges" könnten, so rief der Afrikaner, die großen Parteien überleben und aufblühen, der Vormarsch der kleinen jedoch könne nur durch ein "höheres Niveau unserer Tätigkeit im internationalen Maßstab gesichert werden" – worunter sich jeder Zuhörer vorstellen durfte, was er mochte.

Gewiß, es ist leichter, Kommunist zu sein in Moskau als im Berner Oberland. Da erhob sich im St.-Georgs-Saal des Kreml der schweizerische Kommunist Jakob Lechleiter und zerpflückte eine der traditionsreichsten Thesen der kommunistischen Internationale, die sich auch im Moskauer Schlußdokument wiederfand: daß kein kapitalistischer Staat bedeutende zyklische wirtschaftliche Schwankungen und Rückschläge vermeiden könne. "Das trifft auf die Schweiz nicht zu", sprach Jakob Lechleiter biederen Gemüts und schilderte seine helvetische Heimat so idyllisch, daß manchen alten Klassenkämpfer an der Kreml-Tafel der Zorn, der Neid oder beides packen mußte:

"Seit 25 Jahren verzeichnen wir eine fortdauernde Hochkonjunktur ... Es gibt keine Arbeitslosigkeit, aber auch keine bedeutenden Streiks. Diese wirtschaftliche Stabilität hat ihre Ursache in der Tatsache, daß unser Land glücklicherweise außerhalb des Weltkrieges geblieben ist. Sie ist auch das Resultat der hohen Qualität der Arbeit unserer Arbeiterschaft und unseres Volkes... Ohne auf Maximalprofite verzichten zu müssen, im Gegenteil, um diese zu sichern, konnten die Unternehmer den Arbeitern gewisse Zugeständnisse machen, so durch die fortlaufende Anpassung der Löhne an die Teuerung ... Der wirtschaftlichen Stabilität entspricht auch eine politische Stabilität, wie man sie kaum in einem anderen kapitalistischen Lande kennt..."