Die Entscheidung des amerikanischen Präsidenten Richard Nixon, seine Reise durch fünf asiatische Länder Anfang August mit einem Abstecher nach Rumänien abzuschließen, ist in Ost und West als „Sensation des Jahres“ aufgenommen worden. Bei Wochenbeginn war freilich noch nicht klar, welche konkreten Absichten Nixon mit seinem Besuch bei Parteichef Ceausescu verfolgt, und wie Moskau auf diesen Überraschungsschritt zu reagieren gedenkt.

Das sowjetische KP-Organ „Prawda“ veröffentlichte am Montag lediglich auf Seite vier eine kommentarlose TASS-Meldung über Nixons Asienreise, an deren Ende es lakonisch hieß: „Nach Beendigung seines Besuches in Südostasien wird Nixon Rumänien besuchen.“ Die französische Nachrichtenagentur AFP will indessen erfahren haben, der Kreml habe mit „Empörung“ auf Nixons Reiseplan reagiert. UPI meldete, die Kreml-Führung sei völlig überrascht worden und werde jetzt vermutlich ihren für Mitte Juli geplanten Besuch in Bukarest absagen.

Der Präsident folgt einer Einladung des rumänischen Staats- und ParteichefsCeausescu. Nixon war außerdem schon einmal vor zwei Jahren privat nach Bukarest gereist. Sein kommender Besuch wird die erste Visite eines amtierenden US-Präsidenten in einem kommunistischen Land sein, seit Roosevelt im Februar 1945 an der Konferenz von Jalta teilnahm.

Die Wirkungen, die Nixons Bukarester Mission auf den bevorstehenden Dialog der Supermächte über eine Begrenzung des nuklearen Wettrüstens und auf die Chancen einer europäischen Sicherheitskonferenz haben könnte, wären am Wochenanfang noch nicht abzusehen. Daß sich Ceausescu von Nixons Besuch eine Bestätigung seiner unabhängigen Stellung innerhalb des kommunistischen Lagers verspricht, ohne gleichzeitig – fast ein Jahr nach der Besetzung der ČSSR – eine massive Gegenaktion der Sowjets befürchten zu müssen, schien indessen wahrscheinlich. Die politische Konstellation gab dem streitbaren Rumänen Rückendeckung:

  • Die NATO hat die Sowjets auf ihrer Ministerratstagung im November vorigen Jahres vor weiteren Übergriffen – etwa auf Jugoslawien und Rumänien – deutlich gewarnt.
  • Der Aufruf der Budapester Ostblock-Gipfelkonferenz in März zu einer europäischen Sicherheitskonferenz hat die Fronten zwischen den Blöcken wieder etwas aufgelockert, • Durch ihre Unterschrift unter das Hauptdokument dir Moskauer KP-Weltkonferenz hat sich die rumänische Führung – bei allen ideologischen Vorbehalten – zur Solidarität gegenüber dem Imperialismus bekannt.
  • Für Mitte Juli ist die vom Kreml immer wieder eingeforderte Verlängerung des sowjetisch-rumänischen Freundschafts- und Beistandsvertrages vorgesehen, der die Blockbindung des Landes wieder verstärken wird.
  • Die innenpolitischenVerhältnisse in Rumänien entsprechen den Vorstellungen Moskaus und lassen plötzliche Aufwallungen des Vollswilleus im Prager Stil nicht erwarten.

Darüber hinaus veröffentlichte das inmanischeParteiorgan „Scinteias“ einen Beschwichtigungsartikel, den die „Prawda“ in breiten Passagen übernahm. Die „Prawda“ hob and die rumänischen Wünsche nach direkten Kontakten mit der Kreml-Führung hervor, wie sie aus Anlaß der Beistandsverrags-Unterzeichnung zustande kommen sollten.

Nixons Reise kann diese Kontakte erleichtern oder erschweren, sie kann die Blockdisziplin in Osteuropa auflockern oder verfestigen, sie kann den Dialog der Supermächte über Vietnam und Nahost, Abrüstung und Entspannung fördern oder hemmen – für Bonn hat sie auf jeden Fall zunächst peinliche Folgen: Bundeskanzler Kleinger mußte seinen Antrittsbesuch beim neuen amerikanischen Präsidenten zum drittenmal (auf den 7./8. August) verschieben – ein. wie Regierungssprecher Ahlers kommentierte, „an sich ungewöhnlicher Vorgang“.