Moskau, im Juni

Das sowjetische Politbüro ist in die Provinz ausgeschwärmt. In eigener Sache. So wie man spezielle Mäntel auf beiden Seiten tragen kann, wenden die Kremlführer nun die Weltkonferenz Kommunistischer Parteien in eine Veranstaltung für den Hausgebrauch. Ihre Kampagne begann am 26. Juni mit der Sitzung des Zentralkomitees in Moskau, die fortan als „Juni-Plenum (1969)“ zitiert, also zu historischer Bedeutung erhoben werden soll. Seine Beschlüsse sind die unerläßliche Ergänzung der Weltkonferenz.

Im sogenannten Grundsatzdokument waren aus Rücksicht auf die Vorbehalte mehrerer großer und wichtiger Parteien viele sowjetische Wünsche unerfüllt geblieben. Doch ließ der Text, wie es der sowjetischen Konferenztaktik entsprach, verschiedene Interpretationen zu. Das Referat Breschnjews vor dem ZK ist zwar nicht veröffentlicht worden, aber die ZK-Beschlüsse und die Pressemitteilungen über die Reden der Parteiführer in der Provinz verraten, daß Moskau nur das aus der Weltkonferenz herausfiltert, was den eigenen Kurs in Glanz und Gloria bestätigt: Die überwältigende Mehrheit der Bruderparteien habe der chinesischen Spalterpolitik eine entschiedene Abfuhr erteilt, befand das ZK. Daß es auch Einspruch gab, verschweigt es. Gestützt auf die Ergebnisse der Beratung werde die KPdSU fortfahren, für die Reinheit des Marxismus-Leninismus gegen rechten und linken Revisionismus und gegen den Nationalismus zu kämpfen, heißt es weiter. Daß die Reinheit der Lehre gar nicht erörtert werden konnte, weil viele Parteien ein kommunistisches Einheitsdogma nicht mehr anerkennen, stört das sowjetische ZK nicht:

Es geht in den Schulungsthesen, die in den kommenden Wochen bis in die untersten Zellen verbreitet werden, immer wieder um die Sicherung der sowjetischen Staatsinteressen. In der Versammlung des Parteiaktivs des sowjetischen Verteidigungsministeriums, bei der Marschall Gretschko das Hauptreferat hielt, wurde mit Hilfe des Juni-Plenums sogar etwas formuliert, was in dem Grundsatzdokument der Weltkonferenz gar nicht enthalten ist: Die Parteiorganisationen der Armee müßten bei den Mannschaften für die Schlußfolgerungen des Juni-Plenums und der Beratung (man beachte die Reihenfolge) hinsichtlich der wachsenden Kriegsgefahr Verständnis wecken. Da hatten sich namhafte Redner auf der Weltkonferenz gegen die schreckliche Vereinfachung der sowjetischen Lageanalyse gewandt, weil sie genau wußten, mit welchen Absichten ihnen Angst eingejagt werden soll, aber in Moskau hat man das wohl vergessen.

Die große Propaganda-Kampagne für die „richtige“ Beurteilung der kommunistischen Weltkonferenz verfolgt natürlich noch ein anderes Ziel: Das Politbüro läßt sich seine Politik des ganzen letzten Jahres vom Volk als großen Erfolg bestätigen. Es sucht die Akklamation der Masse. Die Zeitungen berichten von begeisterten Ovationen für den Generalsekretär Leonid Breschnjew. Wer Gelegenheit hatte, mit einfachen Parteimitgliedern zu sprechen, wird in der Tat bemerkt haben, daß Breschnjew die Anerkennung nicht versagt wird. Die ursprüngliche Befürchtung, nach den tschechoslowakischen Ereignissen müsse die Weltkonferenz wohl zu einem Fiasko werden, ist in vielen einfachen Gemütern einer Erleichterung gewichen: Es ist ja doch noch alles recht gut gegangen. Ulrich Schiller