Von Wolfram Siebeck

Die Entdeckung, daß Kunst und Leben identisch sind, ist für viele eine böse Überraschung. Das sind die Ästheten von gestern, die vor der formalen Schlichtheit einer Furche im Wüstensand verschreckt zusammenzucken. Oder es sind elitäre Fußkranke, die nur neidisch sind, wenn sie hören, daß ein genialer Engländer die Land Art um einen Zehn-Meilen-Fußmarsch bereichert hat.

Mir gelang in den letzten Wochen ein schönes Exemplar der Road Art: über 5000 Kilometer mit dem Auto. Die Vernissage war am französischen Grenzübergang, wo mich der Zöllner fragte, ob ich etwas zu verzollen hätte. Ich zögerte, denn mit der Einfuhr von Kunstwerken weiß ich nicht gut Bescheid. So machte ich eine vage Handbewegung und sagte: „Ein bißchen Road Art, noch unvollendet.“

Er überlegte einige Sekunden und fragte dann: „Wieviel?“

Als ich losgefahren war, hatte ich das Motoröl wechseln lassen, und an der Tankstelle hatten sie mir einen Zettel mit dem Kilometerstand unter die Motorhaube geklebt. Also stieg ich aus, klappte die Haube hoch und subtrahierte die Zahl von der Zahl auf dem Tachometer. Da ich es erst beim zweiten Nachrechnen richtig rausbekam, wozu ich Papier und Bleistift brauchte, dauerte es eine Weile, bis ich ihm sagen konnte, wieviel Road Art ich zusammenhatte: genau 438 Kilometer. Es war noch nicht viel, fiel mir auf, aber ich hoffte auch, daß ich mit so einem bißchen Kunst keine Schwierigkeiten haben würde.

Der Zöllner blickte nachdenklich auf den Zettel mit den Zahlen, den ich ihm hinhielt. Dann sagte er seufzend: „Öffnen Sie den Kofferraum!“

„Ich hoffe, auf 5000 Kilometer zu kommen“, fügte ich hinzu und ging nach hinten.