Von Robert Lucas

Vom Holloway-Frauengefängnis sind es nur fünf Minuten mit dem Autobus zur Middle Lane. Ein Vorteil, den Pat Arrowsmith zu schätzen weiß. Sie wohnt in Middle Lane, in einer kleinen Wohnung, die sie mit einer Freundin teilt, in einem Arbeiterhaus, dessen einziges Klosett von drei Parteien benützt wird. Sie hatte nur drei Tage vor meinem Besuch Holloway verlassen; ihr maskulines und gleichzeitig sensitives Gesicht war von jener Blässe, die sechs Gefängnismonate zurücklassen.

Das war ihre achte Freiheitsstrafe. Von den vergangenen zehn Jahren hat sie ungefähr zwei hinter Schloß und Riegel verlebt, weshalb ihr Amnesty International den Ehrentitel Prisoner of Conscience verliehen hat.

Großbritanniens "erster und einziger Häftling aus Gewissensgründen" – das ist nur relativ zu verstehen. In früheren Jahrhunderten, was wir nicht vergessen wollen, war das keine solche Rarität. Auch in England gibt es eine Tradition des Märtyrertums und der Exzentrität. Die beiden Begriffe sind nicht immer scharf voneinander zu trennen – selbst wenn es sich um eine Frau handelt, die ein Drittel ihres Lebens einer so ehrenvollen Aufgabe gewidmet hat wie dem Kampf gegen die Bombe.

Ihr Vater wollte ihr den Taufnamen "Rebel" geben. "Das hatte aber keine politische Bedeutung", versichert Miß Arrowsmith. "Ihm gefiel einfach der Klang des Wortes. Zum Glück wurde ihm die skurrile Idee ausgeredet. Sie paßte, auch gar nicht zu ihm; er ist wahrhaftig kein Befürworter rebellischer Gedankengänge."

Durch welche chemische Reaktion entsteht eine Frau, die wohl nicht den Namen, aber ihrem Wesen nach eine Rebellin ist? Pat stammt – und das hätte man beinahe voraussehen können – aus einem strikt puritanischen Hause. Ihr Vater ist ein anglikanischer Vikar, und die meisten seiner Familienangehörigen sind Mitglieder der strengen Sekte der Plymouth Brethren. Pats Mutter wiederum verbrachte ihre Kindheitsjahre in China und mußte dort im Alter von zehn Jahren mit ansehen, wie ihre Eltern von einer aufgehetzten Volksmenge gesteinigt wurden. "Es war im Grunde ein Mißverständnis", sagt Pat Arrowsmith sachlich, "der Aufstand richtete sich gegen katholische Geistliche; meine Großeltern wurden zusammen mit den anderen umgebracht, obwohl sie anglikanische Missionare waren."

Sie erzählt in Kaskaden präzis formulierter Sätze von einsamen Kindheitstagen und schuldgequälten Nächten in Pfarrhäusern, von gefürchteten Sonntagen, an denen Ballspiele verboten waren und mit "Lexikon"-Karten ausschließlich Bibelzitate geformt werden durften, von einem Stipendium, das ihr den Eintritt in Cheltenham Ladie’s College ermöglichte. Das ist ein hochfeines, auf die Züchtung guter Manieren bedachtes Internat, und es war gewiß bedauerlich, daß Pat ihr Stipendium bald wegen schlechten Benehmens einbüßte.