Der Graf und Konzernchef Arnaud de Vogüé löst ein Versprechen ein: Den Aktionären von Europas größter Glasmanufaktur, dem französischen Unternehmen St. Gobain (Umsatz 1968: 4,2 Milliarden Mark), werden Aktien geschenkt – für jeweils vier St. Gobain-Aktien gibt es eine Gratisaktie.

Die Geschenkaktion hatte de Vogüe den Aktionären versprochen, als es galt, St. Gobain davor zu bewahren, von dem zweitgrößten französischen Unternehmen in der Branche, Boussois-Souchon-Neuvesel (Umsatz 900 Millionen Mark), geschluckt zu werden.

Von einem anderen Versprechen des Grafen ist heute allerdings nicht mehr die Rede. Als der Kampf tobte, gelobte Präsident de Vogüé, er werde bei St. Gobain für ein junges Management sorgen. Für den Nachwuchs wollte er sogar seinen eigenen Sessel räumen. Heute, nach gewonnener Schlacht, sitzt der Präsident fester denn je im Sattel.

Die rund 100 000 Kleinaktionäre hielten St. Gobain tatsächlich die Treue. Doch die Gratisaktien sind ein recht wertloses Geschenk. Der Anteil des Aktionärs am St. Gobain-Vermögen wird dadurch keineswegs vermehrt. Im Gegenteil, de Vogüé verschenkt auch noch rund 120 000 Aktien an die Belegschaft – eine nette Geste, die zu Listen der Aktionäre geht.

Die St. Gobain-Großaktionäre waren nicht annähernd so brav wie die Kleinaktionäre. Sie nutzten ihre Chance während des Übernahmekampfes und stießen ihre Aktien ab – zu Preisen, die ihnen heute, nachdem die Schlacht geschlagen ist, niemand mehr bezahlen würde. Mehr als die Hälfte aller Großaktionäre, die freilich jeweils nicht mehr als ein paar Prozent des gesamten Kapitals hielten, haben aus dem Übernahmekampf Profit gezogen.

Insgesamt soll es jetzt 26 neue Großaktionäre geben. Es sind fast alles mit de Vogüé „befreundete“ Unternehmen und Institute, die zu einem guten Teil auf sein Drängen hin gekauft hatten.

Zu den neuen St. Gobain-Aktionären zählt auch die Westdeutsche Landesbank und Girozentrale – das Spitzeninstitut von Nordrhein-Westfalens Sparkassen. Die Beteiligung von sieben Prozent an dem französischen Glasproduzenten kostete rund 100 Millionen Mark.