Seit dem Oktober 1966, da Lyndon Johnson seine Rede über die Notwendigkeit des „Brückenschlags“ hielt, ist von einer aktiven amerikanischen Osteuropa-Politik nicht mehr viel zu hören oder zu spüren gewesen. Johnson suchte den Ausgleich mit den Sowjets und wollte keine schlafenden Hunde wecken; auch sein Nachfolger war bisher ganz auf den Kreml fixiert. „Moskau geht vor“, lautet seit drei Jahren die Parole in Washington.

Jetzt will Richard Nixon Rumänien besuchen. Kündigt sich damit eine neue Politik an – oder ist die überraschend an eine Asienreise angeklebte Zwanzigstundenvisite in Bukarest nur eine publikumswirksame Ersatzhandlung für eine Politik, die sich am kommunistischen Polyzentrismus orientierte, nicht an der Hegemonialmacht Rußland? Bereitet sich hier eine auf lange Frist angelegte neue Strategie vor – oder handelt es sich bei dem Reiseplan um eine Augenblickseingebung? Stehen die Dinge im Ost-West-Verhältnis schlechter als angenommen – oder stehen sie besser?

An Meinungen fehlt es nicht, wohl aber an Belegen dafür. Die Optimisten sagen, Moskau sei bereit, vom hohen Roß der Breschnjew-Doktrin herunterzusteigen und seinen kommunistischen Vasallen den Weg zur Annäherung an den Westen wieder freizugeben; die Rumänen ernteten also, wo letztes Jahr die Tschechoslowaken gesät haben. Die Skeptiker hingegen argumentieren, Nixon habe die Hoffnung aufgegeben, sich mit den Sowjets über Nahost, Vietnam oder die gemeinsame Rüstungsbegrenzung zu verständigen; er wolle sie nun unter Druck setzen, indem er vorübergehend in ihrem Revier jage. Ganz schwarze Pessimisten vermuten, die Nixon-Reise solle einem angeblich bevorstehenden sowjetischen Schlag gegen Rumänien vorbeugen. –

Auf jeden Fall wagt der amerikanische Präsident einen hohen Einsatz. Das Anbandeln mit den Dissidenten in seinem Bereich hat Moskau noch immer mit Mißtrauen quittiert; Willy Brandt wüßte ein Lied davon zu singen. Und Besuche fremder Staatsmänner können den Raum der Bewegungsfreiheit für die Gastgeber leicht einengen, anstatt ihn zu vergrößern – Titos und Ceausescus Auftritte in Prag vor dem 21. August bieten warnende Beispiele. Th. S.