Von Joachim Nawrocki

Berlin, im Juli

Die Hauptstadt wird um ein Blütenmeer reicher. 20 000 Rosen werden auf dem Platz zwischen Fernsehturm und Neptun-Brunnen blühen, wenn wir den 20. Jahrestag feiern. Diese Rosen schenkte der Verband der Deutschen Journalisten den Berlinern." So berichtet die SED-Zeitung "Neues Deutschland" und vergißt auch nicht zu erwähnen, daß nach den Worten des stellvertretenden Generalsekretärs des Journalistenverbandes, Osmund Schwab, die Rosen Ausdruck "des Denkens und Handelns der Journalisten für unseren Staat" sind.

Was für die Journalisten die Rosen sind, das sollen für die Schüler die Astern sein. Das Kindermagazin "Frösi" hatte bereits im April dazu aufgerufen, Astern auszusäen und damit Schulen und Wohngebiete zu schmücken. Inzwischen ist zu erfahren, daß vor der Dr.-Theodor-Neubauer-Oberschule in Saßnitz die "Frösi"-Astern prächtig gedeihen und daß die Arbeitsgemeinschaft Junge Gärtner der Oberschule Marisfeld im Kreis Suhl unter anderem 1100 Asternpflanzen gezogen und an die Bevölkerung zum Schmücken der Vorgärten verkauft hat. In der DDR, in der es so gut wie nie Schnittblumen zu kaufen gibt, soll es im Herbst blühen wie nie zuvor.

Noch knapp hundert Tage sind es bis zum zwanzigsten Geburtstag der Republik, aber bereits seit Wochen und Monaten klappern die Propagandamühlen, um die Bevölkerung auf den Jahrestag der Staatsgründung am 7. Oktober vorzubereiten. Dieser Tag bestimmt zahlreiche Bautermine, beeinflußt die Pläne in den Betrieben und strapaziert die rosenspendenden Journalisten, die Tag für Tag neue Berichte darüber schreiben müssen, wie das zwanzigste Jahr der Staatsgründung in der Republik begangen wird. Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Nachdem das "Komitee zum 20. Jahrestag der DDR" bereits im Januar elf Thesen veröffentlicht hat, wurde die Bevölkerung jetzt noch mit 75 Losungen zum Gründungstag bedacht.

Als Tag der Gründung sieht die SED den Tag, an dem ein vom Dritten Deutschen Volkskongreß ernannter Volksrat durch Gesetz in eine Provisorische Volkskammer umgebildet wurde. Am gleichen Tag, dem 7. Oktober 1949, wurde eine Provisorische Regierung der DDR gebildet und die erste Verfassung der DDR in Kraft gesetzt. Ein Jahr später, nach einer Abstimmung über die Einheitsliste der Nationalen Front, gaben Volkskammer und Regierung ihren provisorischen Charakter auf und galten als endgültig konstituiert. Zwanzig Jahre später wird die Republik gefeiert wie Kaisers Geburtstag, nur noch ein bißchen mehr.

Bis dahin muß aber noch viel geschafft werden. Der Alexanderplatz in Ostberlin, der seit über zwei Jahren umgegraben und neu aufgebaut wird, soll im wesentlichen fertig sein. In dem 360 Meter hohen Fernsehturm, der im Rohbau fertig ist, soll in 200 Meter Höhe ein drehbares Café eröffnet werden: Es wird sich in einer Kugel befinden, die mit Aluminiumfacetten derart verkleidet ist, daß bei Sonnenlicht die Reflexe immer ein deutlich sichtbares Kreuz formen – "Die Rache des Papstes", sagen die Ostberliner dazu. Und gegenüber der alten Friedrichsgracht, die leider abgerissen wird, sollen am Märkischen Ufer bis zum Oktober verpflanzte historische Gebäude fertiggestellt werden, vor allem das 1761 ursprünglich in der Breiten Straße erbaute Ermelerhaus, in dem jetzt Restaurants eingerichtet werden.