Rom, im Juli

Es kriselt wieder einmal in Rom. Nicht nur den Sozialisten droht die Gefahr der Spaltung; Flügelkämpfe gibt es auch bei den Christdemokraten.

Italien spricht wieder von Aldo Moro. Der 52jährige christlich-demokratische Politiker, der von Dezember 1963 bis Mai 1968 die Regierungskoalition der "linken Mitte" geleitet hatte und dann von einem Tag auf den anderen aus dem Rampenlicht verschwunden war, erlebte auf dem XI. Nationalkongreß der Democrazia Cristiana ein bemerkenswertes Comeback. Er ist plötzlich wieder zur Schlüsselfigur seiner Partei und damit zu einer bestimmenden Größe in der italienischen Politik geworden.

Als einer der Repräsentanten der innerparteilichen Linksopposition war Moro in den christlich-demokratischen Parteikongreß hineingegangen; als anerkannter Führer aller progressiv orientierten Parteimitglieder ging er aus ihm hervor. Er unterlag zwar zahlenmäßig bei den Neuwahlen zum Nationalrat der Partei, dennoch war er der eigentliche Sieger der viertägigen, oft turbulenten Debatte im römischen Kongreß-Palast. Ihm gelang es, die vier Linksströmungen der Partei, die insgesamt ein Drittel der Parteimitglieder repräsentieren, auf ein gemeinsames Aktionsprogramm festzulegen. Dieses Programm besagt unter anderem, daß die Linke ihre Vertreter aus der Regierung Rumor zurückziehen werde, wenn innerhalb der Partei nicht eine "Öffnung nach links" eingeleitet werde.

Damit hält Moro praktisch das Schicksal der Regierung Rumor in der Hand. Ein Rückzug der katholischen Linken aus dem Kabinett würde automatisch auch zur Demission der linkssozialistischen Minister und damit de facto zur Regierungsauflösung führen. Wenn die gemäßigte christlich-demokratische Führungsgruppe dieses Risiko vermeiden will, wird sie sich wohl oder übel mit dem Mann arrangieren müssen, den sie vor einem Jahr kalt geopfert hat, als es ihr koalitions- und parteipolitisch opportun erschien.

Moro, das zeigte der Parteitag mehr als deutlich, hat sich in dem Jahr seines erzwungenen Disengagements überraschend gewandelt. Auf der Rednertribüne des römischen Kongresses stand nicht mehr ein komplexgeladener Hamlet, der anstatt "ja" oder "nein" nur "vielleicht" sagt, ein Mann, der immer wieder zaudert, sich nie ganz klar festlegt, stets verbindlich ist und zu vermitteln versucht. Jetzt trat ein neuer Moro auf – aggressiv, fast verletzend eindeutig in seinem Urteil, nicht mehr statisch, sondern dynamisch in seiner politischen Konzeption.

Diese Konzeption gründet sich in erster Linie auf die Überlegung, daß die Democrazia Cristiana mehr als bisher den heutigen Zeitgeist begreifen und sich politisch auf ihn einstellen muß, wenn sie nicht Gefahr laufen will, ihre linke Flanke ungedeckt der Erosion auszusetzen. Der Rebellion der Jugend und der Forderung nach direkter Demokratie im Volk sollte seiner Meinung nach nicht der Fetisch der Ordnung entgegengehalten werden. Vielmehr sollten die demokratischen Führungskräfte des Landes ermutigen, von sich aus einen Wandel in der Ordnung einzuleiten.