Ein leicht anachronistischer Zitatenborn

Von Hans Krieger

Da hat einer Jahrzehnte seines Lebens an eine philologische Fleißarbeit gewandt, hat die Vernichtung seiner mühsam zusammengetragenen Kartei im Bombenhagel verwunden und sich unverdrossen erneut ans Werk gemacht, und nun erreicht uns die Frucht, dieses beharrlichen Mühens, erreicht uns das

„Lexikon der Goethe-Zitate“, herausgegeben von Richard Dobel; Artemis-Verlag, Zürich Stuttgart; 630 S., 78,– DM

zu einem Zeitpunkt, da es wie ein liebenswerter Anachronismus anmuten muß. Vorbei die Zeit, da das Exemplarische der Goetheschen Existenz sich von selbst verstand, da in ihm der Weltgeist ein für allemal gültig verkörpert war und der Nachwelt kaum noch etwas zu tun zu bleiben schien als Sammlung, Sichtung und Exegese. Die Glasperlenspiele sind nicht mehr auf „Goethe und ...“ programmiert, Dissertanten grasen längst auf ganz anderen Weidegründen, und selbst Festredner flechten lieber etwas Mao oder Marx oder wenigstens Adorno ein als Goethe. Noch immer freilich geht eine treue Gemeinde an Hand des kleinen Artemis-Kalenders „mit Goethe durchs Jahr“ und erbaut sich täglich an Sinnsprüchen wie „Sentenzen sind ein schlechtes Heilmittel für ein verwundetes Herz“.

Jahrelang habe ich, mit Goethe aufgewachsen und den Kopf voller ungenau erinnerter Zitate, die zu verifizieren äußerst mühsam war, ein solches Nachschlagewerk entbehrt. Die Idee eines nach Reimworten geordneten Index zum „Faust“ wurde erwogen und wieder fallengelassen. Nun halte ich das Lexikon der Goethe-Zitate in Händen, blättere, lese mich kreuz und quer fest und staune, wie wenig ich des neuen Besitzes froh werde. Sollte es daran liegen, daß gerade der ganze Bildungsplunder, der mehr als ein Jahrhundert lang über Goethe aufgehäuft wurde, uns heute den Zugang zu ihm versperrt?

Der Herausgeber ist Bibliothekar, und Bibliothekare sind praktisch denkende Menschen. Man stellt ihnen oft Fragen, und sie müssen Antworten finden. Zum Beispiel: Was hat Goethe über dies und das gesagt, wo findet sich dieses oder jenes Zitat bei Goethe? Es scheint, daß die erste dieser beiden Fragen dem Herausgeber bei weitem wichtiger gewesen ist; hier hat er bestens vorgesorgt. Ob man wissen will, was Goethe über Julius Cäsar oder die Weltseele dachte, was er von der Mystik hielt oder vom Schachspiel, von den Deutschen oder einer so kuriosen Nebensächlichkeit wie der Sitte der Körperbemalung – man wird prompt und erschöpfend bedient. Erlösung und Unsterblichkeit, Pressefreiheit und Schauspielkunst, Männerzwist und Kopfzerbrechen: zu allem mindestens ein Goethe-Zitat. Über die Liebe, den Menschen, die Natur: spaltenlang, seitenlang, fein nach Unterrubriken aufgeschlüsselt. Über die Frauen (oder Weiber, es gibt beide Stichworte): unerschöpfliches Reservoir an Sinnsprüchen, Huldigungen und Bosheiten. Lesend und durch Widersprüche sich hindurcharbeitend, wird man zu vielfältigen Vergleichen und überraschenden Ausblicken geführt. Und stolpert natürlich über manchen Gemeinplatz, der sich wirklich nur unter der Schutzmarke Goethe als bedenkenswert verkaufen läßt. „Wir verdanken daher dem Bücherdruck und der Freiheit desselben undenkbares Gute und unübersehbaren Nutzen Ja, derlei sagt man wohl in Festreden, und aus einer solchen stammt das Diktum denn auch. Da glaubt man schon eher die „Worte des Vorsitzenden Wolfgang“ in der Hand zu haben.