Von Carl-Christian Kaiser

Landrat Bost blieb das Wort im Halse stecken; das Redemanuskript schob er wieder in die Brusttasche. Mitten in den Abschiedsempfang des Landkreises Bonn auf der Godesburg platzte die Nachricht aus Münster: Der Vollzug der „Lex Bonn“, nach der Bonn, Bad Godesberg, Beuel und acht Gemeinden zu einer neuen Großstadt Bonn zusammengeschlossen werden, wird zunächst ausgesetzt. Der nordrheinwestfälische Verfassungsgerichtshof in Münster sah sich außerstande, bis zum 1. Juli, dem Tag, an dem das Gesetz in Kraft treten sollte, über die Anträge des Landkreises Bonn und der Städte Bad Godesberg und Beuel auf Erlaß einer einstweiligen Verfügung gegen das Gesetz und über die Verfassungsbeschwerden zu entscheiden.

Fürs erste bleibt alles beim alten. Niemand hatte mit dem Aufschub in letzter Minute gerechnet. Alles war vorbereitet gewesen. Am 30. Juni sollten die Mandate der Stadt- und Gemeinderäte in den Kommunen erlöschen, die eingegliedert werden und aus Bonn Groß-Bonn machen sollen. Am 1. Juli sollte Franz Meyers, der frühere Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, seinen Einzug ins Bonner Rathaus halten, um dort bis zu den Wahlen für den Rat der neuen Stadt Bonn am 9. November als Staatskommissar das Übergangszepter zu führen. Die vielen Gegner der Eingemeindung um Bonn herum sind unsicher, ob sie den Aufschub schon als ersten Erfolg buchen sollen. Die Anhänger des Zusammenschlusses im alten Bonn und in der Landeshauptstadt Düsseldorf dagegen geben sich gelassen. In der Sache selbst, sagen sie, habe das Verfassungsgericht noch nicht das mindeste entschieden, und überdies seien ähnliche Anträge wie die Godesbergs, Beuels und des Landkreises Bonn in Nordrhein-Westfalen bisher stets gescheitert.

Die seit zwanzig Jahren geführte Eingemeindungsschlacht wird nun noch eine Weile weitergehen. Nach dem Willen des Gesetzgebers soll Bonn eine große Stadt werden, in der Liste der Großstädte vom 42. auf den 18. Platz zwischen Mannheim und Kiel aufrücken, in der Fläche wachsen von 31 auf 137 Quadratkilometer, in der Einwohnerzahl zunehmen von rund 134 000 auf knapp 300 000. In dem Gesetz zur kommunalen Neugliederung des Raumes Bonn, verkündet unter dem 20. Juni 1969, heißt es lapidar: „Die Städte Beuel, Bonn und Bad Godesberg und die Gemeinden Buschdorf, Duisdorf, Ippendorf, Lengsdorf, Lessenich und Röttgen, die Gemeinde Holzlar sowie die Gemeinde Oberkassel werden zu einer neuen kreisfreien Stadt zusammengeschlossen. Die Stadt erhält den Namen Bonn.“ So gebilligt am 13. Mai von der SPD-FDP-Mehrheit im Düsseldorfer Landtag gegen die Stimmen der CDU.

Durch Gesetz soll der kommunale Grabenkampf ein Ende nehmen. Er ist nicht zwischen den politischen Parteien, sondern zwischen den Gemeinden geführt worden: Godesberg, Beuel, Duisdorf gegen Bonn, das den Zusammenschluß von Anfang an betrieb. Noch in den letzten Sitzungen der Stadt und der Gemeinderäte der betroffenen Kommunen beteuerten auch die Sprecher der SPD und FDP aufs neue, wie sehr sie gegen das von der SPD-FDP-Landesregierung beschlossene Gesetz gewesen seien. Noch einmal war die Rede von Anachronismus, Rückschritt, Fehlleistung, Unfug, machttechnischem Mißbrauch und Bonner Imperialismus. Die „Aktion selbständiges Beuel“ („Beuel bleibt Beuel“), die ein Volksbegehren gegen den Zusammenschluß in Gang setzen wollte, und das „Komitee freies Godesberg“ („Seht auf die Stadt“) geben nicht auf.

Was immer die auf ihre Selbständigkeit bedachten „Anschlußgemeinden“ im Laufe der Jahre als Alternativen vorschlugen: einen Zweckverband, eine Regionalstadt, einen Stadtkreis, einen Bundesdistrikt nach dem Vorbild des District of Columbia um Washington – alles dies verschwand im Orkus. Nach anfänglichem Zögern entschloß sich die Düsseldorfer Landesregierung zur radikalsten Lösung: zur völligen Integration und zugleich zur Bildung eines Rhein-Sieg-Kreises mit 19 Großgemeinden, der sich wie eine Halskrause um die neue Stadt Bonn legt.

Sie und das alte Bonner Stadtregiment hatten die besseren Argumente. Wenngleich man in Düsseldorf betont, daß die Bonner Raumordnung primär unter dem Aspekt der sprunghaft anschwellenden Wirtschaftsexpansion entlang der „Rheinschiene“ zwischen Basel und Rotterdam, unter dem Aspekt auch einer Stadtlandschaft zu sehen sei, die eines Tages von Duisburg bis Bonn ’reichen könnte – die unmittelbar treibende Kraft sind die hauptstädtischen Funktionen Bonns gewesen und werden es für die nächste Zeit bleiben. Im Raum von Bonn und Bad Godesberg und im weiteren Sinne sogar zwischen Köln und Koblenz verstreut, sind die zahllosen Ministerien, Ämter und Behörden, Botschaften und Missionen schon ein Integrationsfaktor für sich. Der „Bundestroß“, die Beamten, Angestellten und Diplomaten samt ihren Angehörigen, umfaßt im Großraum Bonn mehr als 60 000 Bürger; im alten Bonn macht sein Anteil an der Bevölkerung über 23 Prozent, in Bad Godesberg ein rundes Drittel und in Duisdorf sogar über 54 Prozent aus.