Von Alexander Rost

Unter seinen Füßen liegt das Untier, eine wolfsähnliche, drachenhafte Bestie. Sein Schwert hält er ohne die Gebärde des Triumphes. „Der Geistkämpfer“, der am Alten Markt in Kiel steht, ist Symbol für den Sieg des Guten über das Böse oder für die Macht des Gedankens über die Materie, oder wie immer man’s deuten will. Wer genau hinblickt, erkennt die feine Schweißnaht, die sich quer um die Bronzeplastik zieht. Nach 1933 war Ernst Barlachs Werk als „entartet“ verfemt worden. Jemand kaufte den „Geistkämpfer“ auf, gab vor, ihn ins Ausland zu versenden, schnitt ihn durch und versteckte ihn im Sand der Lüneburger Heide. Und das wiederum ist symbolisch für die Geschichte dieser Stadt: Da wurde manches ver- und wieder ausgegraben.

In Kiel fielen 1918 die erstem Schüsse der Revolution; und bald wurde die Stadt zum Hafen der Restauration. Sie wurde im Zweiten Weltkrieg zu achtzig Prozent zerbombt. Einst ein Fischernest an einer Bucht, die Schiffen im Sturm Sicherheit bot, war Kiel der Stützpunkt jener Flotte, die dem wilhelminischen Reich die Weltgeltung, den Platz an tropischer Sonne, erobern sollte.

Doch im Jahrbuch 1913 des Kaiserlichen Yacht-Clubs zu Kiel steht in der Mitgliederliste hinter dem Konteradmiral Graf von Spee (der 1914 in der Schlacht bei den Falkland-Inseln den Tod fand) auch der Professor Dr. med. Graf von Spee, jener Anatom, der seiner Trinkfreude wegen die Kieler veranlaßte, die Stehbierhallen auch Speebierhallen zu nennen. Und Namen wie Dahlmann- oder Waitzstraße erinnern an die große Zeit der Universität. Wer durch Kiel bummelt, schlendert durch ein gutes Stück deutscher Geschichte. Und mit Historie befrachtet ist natürlich auch die Kieler Woche.

Einmal im Jahr macht die Stadt, die ansonsten im Ausland besser als im deutschen Binnenland bekannt ist (den „Kiel-Kanal“, wie der Nordostsee-Kanal, einst Kaiser-Wilhelm-Kanal, im internationalen Seemannscode heißt, passieren Schiffe aller Staaten), mit der Kieler Woche von sich reden: mit einem kulturellen, künstlerischen, staatspolitischen und sportlichen Ereignis. Und daß der Sport dabei die nicht geringste Rolle spielt, dafür ist schon der Termin der ausgedehnten, kaleidoskophaften Festlichkeit ein Indiz: Die Kieler Woche wird mit Bedacht stets in der letzten Juniwoche gefeiert; denn da herrscht, wie die Meteorologen seit Jahrzehnten beobachtet haben, wechselhaftes Wetter, heute leichter Wind, morgen Sturm, übermorgen steife Brise. Es ist genau das Wetter, das Segler sich in einer Regattaserie wünschen.

In diesem Jahr freilich blieb es draußen vor der Förde meist flau wie auf irgendeinem Binnengewässer. Trotzdem gab es hervorragenden Sport. Und der Mann, der in dieser Kieler Woche der „Segler Nummer eins“ war, ist Rodney Pattisson, ein Brite, der so aussieht, wie man sich einen Briten vorstellt, der auf den Mount Everest klettert, die Wüste Gobi durchquert oder vor den Hunden reitet. Er ist ein Sportsmann ohne Muskelprotzerei, eher zäh als stark, gelassen im Sieg, gelassen sicherlich auch in der Niederlage. Doch das muß Vermutung bleiben. Rodney Pattisson hat in Kiel immer nur gesiegt.

Er segelt im „Fliegenden Holländer“, in der Flying-Dutchman-Klasse also. Die Wettfahrten in der Kieler Woche wurden an sieben Tagen ausgetragen. Sechs wurden gewertet. Jeder Segler konnte sein schlechtestes Tagesergebnis streichen. Rodney Pattisson brauchte am siebten Tage gar nicht mehr zu starten. Er war sechsmal als Erster am Zielschiff vorbeigekreuzt. Seine Punktnote: null. Das ist in der Kieler-Woche-Wertung die beste Zahl.