Ende voriger Woche wurde nun der zweite größere Versuch von Autoren annonciert, ihr "Produktionsmittel" selber in die Hand zu nehmen und gemeinsam zu verwalten. Es gründete sich in Frankfurt ein "Autorensyndikat"; zu ihm gehören linke Theoretiker und Agitatoren wie Agnoli, Amendt, Cohn-Bendit, Krahl, Negt, v. Nußbaum, Ploog, Schauer, Wallraff, achtunddreißig Leute bisher alles in allem sowie einige Gruppen. Der erste kooperative Verlag, von dem abtrünnigen Suhrkamp-Lektor Karlheinz Braun ins Leben gerufen, der "Verlag der Autoren", arbeitet seit Anfang April – nicht als Buchverlag vorerst, sondern als Bühnenverlag, mit dem großen Vorteil, daß er keine Druckereirechnungen zu bezahlen hat und, der größten Finanzierungsprobleme damit ledig, sich in keine neue Abhängigkeit zu begeben brauchte.

Das neue "Autorensyndikat", dessen Geschäfte ein gewählter zwölfköpfiger "Autorenrat" führen soll und das gesellschaftspolitische Informationen,, kritische – Analysen und Agitationsmaterialien aus Basisgruppen einer breiten, öffentlichkeit vermitteln will, braucht dagegen einen Finanzier; wahrscheinlich wird es der Münchner Verleger Kurt Desch sein, mit dem seit Monaten verhandelt wird. Das "Autorensyndikat" geht aus der "Edition Voltaire" hervor, einer Sammlung linker Broschüren, die zunächst in Berlin bei Nikolaus v. Neumann erschien und nach dessen Scheitern nach Frankfurt zu dem damals nagelneuen Heinrich Heine Verlag überwechselte. In dem neuen Haus war die "Edition Voltaire" von allem Anfang an auf Distanz bedacht; auf gar keinen Fall wollte sie mit ihm identifiziert werden, und bald geriet sie ins Stocken. Bei den unbeschreibbar und über die Beschreibungswürdigkeit hinaus verworrenen Zuständen, die im Heine-Verlag herrschten, schien das ganz plausibel.

Dennoch, die Neugründung richtet sich wieder einmal nicht gegen einen mächtigen kapitalistischen Boß, sondern gegen einen Linken unter den Linken, den Herausgeber der "Edition Voltaire", Bernward Vesper. "Nachdem er dreimal das angekündigte sozialistische Modell selbst sabotierte", heißt es in der Gründungserklärung, "hat Herr Vesper (die Anrede "Herr" muß unter Genossen doppelt verächtlich klingen) nunmehr in Berlin einen ‚Verlag ohne Autoren‘ bekanntgegeben wahrlich das Fiasko der Fiktion, wie es sich krasser nicht darstellen könnte."

Was sich in diesem Fall ebenfalls wieder kraß darstellt, sind die Schwierigkeiten, die die Linke mit sich selber, hat. Eine Bewegung, deren eine Zentralvokabel Solidarität heißt und die in ihrer Isolierung auf einiges an praktischer Solidarität angewiesen wäre, erschöpft einen großen Teil ihrer Energie damit, nicht Bundesgenossen zu suchen, sondern in einem wirren Wettlauf um die reinste, unüberbietbar linke Lehre Bundesgenossen hinauszudefinieren. Zu erinnern wäre an die Aktionen gegen den Berliner Extra-Dienst, gegen underground, gegen konkret. Es scheint, daß die Stärke des linken Denkens, seine Unbedingtheit, seine Unfähigkeit, fünf grade sein zu lassen, gleichzeitig seine entscheidende Schwächeist.

Dabei wäre nichts für die Zukunft der Linken so wichtig, wenn denn der große Rest der Gesellschaft noch überzeugt und nicht abgeschrieben werden soll, wie in praktischen Experimenten, also etwa kooperativ geführten Verlagen, ihre Theorien in die Tat umzusetzen, zu überprüfen, zu korrigieren und nachzuweisen, daß sie funktionieren. Keine noch so scharfsinnige Analyse wäre so attraktiv wie irgendeine Kleinigkeit, die sichtbar klappt; nichts erzeugt soviel Abwehr wie gehässiges und konfuses Gezänk um die wahre Brüderlichkeit. Dieter E. Zimmer