Ihr Roman "Deutschstunde" steht seit sieben Monaten an der Spitze der Bestseller-Listen, hat jetzt schon eine Auflage von 115 000 Exemplaren erreicht und erscheint in neun Ländern. Haben Sie mit einem derartigen Erfolg gerechnet?

SIEGFRIED LENZ: Bei dem Thema – Konflikt zwischen Macht und Kunst, dargestellt am Beispiel eines Malverbots in Deutschland – konnte ich diesen Erfolg nicht erwarten; daß er dennoch kam, hat mich nicht prompt in Depressionen gestürzt, wohl aber überrascht.

Worauf vor allem führen Sie den Erfolg der "Deutschstunde" zurück?

LENZ: Vermutlich wurde er begünstigt durch das ererbte Informationsbedürfnis des Lesers, die Literaturkritik, den Zeitpunkt der Publikation und das erkennbare Angebot an Wirklichkeit.

Finden Sie nicht, daß dieser Erfolg etwas beängstigend ist?

LENZ: Ich weiß, eigentlich müßte man sich fragen: Was hast du falsch gemacht, daß ausgerechnet dir dieser Erfolg passieren mußte? Da ich jedoch die Ansicht teile, daß jeder Schriftsteller eine Ein-Mann-Partei ist, die für die eigenen Manifeste, Überzeugungen, Programme möglichst viele Gleichgesinnte zu werben versucht, möchte ich keinem den Beitritt verwehren. Das wäre ja schon eine Diskriminierung. Das elitäre Einvernehmen mit einer kleinen Zahl von Lesern sagt nichts über die Qualität einer Literatur aus, und die Tatsache, daß Flaubert, Thomas Mann oder Böll Hunderttausende von Lesern fanden, devaluiert ihre Bücher nicht im geringsten.

Sie haben einmal gesagt, der Erfolg eines Schriftstellers sei oft das Ergebnis nur eines Mißverständnisses. Könnte das auch für die "Deutschstunde" gelten?