Bonn

Der fahrende Sänger kam in die kleine Residenz am Rhein. Mit Kurt Georg Kiesinger, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, wollte er letzte Woche einen Gedankenaustausch pflegen. Kein Zweifel, Udo Jürgens, ein Mann, der sich mit "Merci Cheri" wie kein anderer in die bundesdeutsche Geschichte eingegraben hat, wurde in Bonn "wie ein König" empfangen. Die Frage, ob Udo nebst Frau Panja nun mit "einer Staatslimousine" vom Flugplatz abgeholt oder doch mit "einem Hubschrauber der Kanzlerstaffel" in den Garten des Palais Schaumburgeinschweben werde, hing nur noch vom launischen rheinischen Wetter ab.

Das Wetter wäre, als Udo gegen 13.45 Uhr aus München landete, beidem gleich gut gesonnen gewesen, der Kanzler indes offenkundig nicht. Und so mußte denn der sangeskundige Österreicher des königlichen Zeremoniells vorerst entraten und mit einem Wagen, der nichts Staatliches an sich hatte, den Weg ins Hotel antreten. Dort harrte der Ankömmlinge Alfred Jakob, "der Mann, der alles lanciert hatte", wie er selbst mitteilte. Alfred Jakob ist Public-Relations-Mann, der seine Post in den Münchner "Königshof" dirigiert, in Libyen wohnt und für die Sache der Arabischen Liga wirbt. Über seine "sehr guten Verbindungen" zum Kanzleramt hatte Jakob vernommen, Kiesinger habe sich ergrimmt gezeigt ob der Presseveröffentlichungen, die das genaue Programm des Besuchs vorab gemeldet hatten: 15 Minuten Privatgespräch, dann ein Lied von Udo, dann vierhändiges Spiel der beiden notenkundigen Herren am Flügel im Kanzlerbungalow. Damit, so deutete Jakob Fernsehreportern düster an, sei jetzt natürlich nicht mehr zu rechnen.

Schließlich begrüßten sich Gast und Gastgeber, etwas linkisch zwar, doch dann, nachdem der Kanzler aus der Hand des Troubadours nicht weniger als neunzehn seiner Langspielplatten in einem eleganten Diplomatenköfferchen empfangen hatte und Presse-Zerberus Conrad Ahlers die Schiebetür zwischen Photographen und Teerunde gezogen hatte, wurde das Gespräch "sehr schnell sehr herzlich", wie Alfred Jakob, der natürlich dabei war, wissen ließ. An ihm war es auch, dem Kanzler zu erklären, daß Udo es natürlich gar nicht so gemeint habe, als er – "wie Bild melden konnte – Kiesinger für ‚zu weich‘" erklärte. Reporter hätten den arglosen Sangesknaben so sehr bedrängt, "ob er denn nicht auch etwas Negatives über den Kanzler wisse", und da hätte er eben ... Der Schwabe indes war inzwischen schon wieder gnädig gestimmt und tat kund, damit habe es "eine besondere Bewandtnis" und er wisse schon, "wer dahinter steckt". Und da man gerade bei den mißvergnüglichen Mißverständnissen war, klärte der Bundeskanzler den "lieben Herrn Jürgens" auch darüber auf, daß die Bundeswehr allen anders lautenden Reden zum Trotz eben doch eine Schule der Nation sei. "So geht es", tröstete Udo, "eben allen Stars. Ich habe auch so oft unter Mißverständnissen zu leiden."

Darauf verständigten sich die Gesprächspartner nach kurzen Erläuterungen der Vorzüge ihrer jeweiligen Heimat darüber, daß "die Natur noch immer das schönste" sei, wie der Bundeskanzler sagte, um sich dann der Ostpolitik zuzuwenden. Udo berichtete Kiesinger über seine Erfolge in der DDR, und der Kanzler beglückwünschte ihn zu seinen Erfolgen im anderen Teil Deutschlands. Beklagenswerterweise, so erkannte der Kanzler, fänden seine Bemühungen drüben erheblich weniger Beifall als Udos "Merci Cheri" im Ostberliner Friedrichstadt-Palast. Immerhin sah Kiesinger auch einen Silberstreif am Osthorizont: "Die Menschen drüben fühlen durch solche Lieder mit uns."

Unter hilfreicher Assistenz des Kanzlers, der ihm beflissen den Notenständer zurechtrückte, schritt Udo zur praktischen Demonstration und sang "Ich glaube", ein rezeptfreies Protestlied für eine heile Welt, in der nach dem Sinn des Militärs gefragt wird und warum man denn nicht bitte den Hungernden etwas abgeben könne. Darauf wurde der Kanzler musikalisch belehrt, "Was wirklich zählt auf dieser Welt". Damit war die Audienz des nach Aussage der Demoskopen drittliebsten Idols der Deutschen bei Kiesinger – Idol Numero sieben – beendet, nicht ohne daß sich beide Herren gemeinsam darüber gefreut hätten, daß Rudi Dutschke (Kiesinger: "Nicht gerade mein Freund") nur auf Platz vierzehn liegt. Merci, Cheri.

Wahlkampfwerbung, erklärte der PR-Mann, sei das natürlich nicht: "Schließlich ist der Udo Österreicher." Statt dessen solle man lieber bedenken, wie einmalig dieses Ereignis gewesen sei in einem Hause, das noch nie zuvor prominente Vertreter der leichten Muse gesehen habe. Und außerdem: Die SPD möge getrost noch mehr Quizmaster in die Anzeigenwahlschlacht schicken: "Kurt Georg Kiesinger braucht keinen Kulenkampff, der Udo heißt."