Aufgewachsen in einer anderen Gesellschaft, wirkte sie in der großen Stadt, wo nur Eleganz zählte, plump und unbeholfen. Sie war 16, als sie dorthin kam, um einen 19jährigen, den sie nie zuvor gesehen hatte, zu heiraten. Diesem jungen Mann, der in allen Salons zu Hause schien, war ihr Auftreten zu unscheinbar, und es war ihm peinlich, wie sie auf Gesellschaften nur lächelnd und staunend dasaß, unfähig, sich an den üblichen Gesprächen über Philosophie, Theater, Politik und Klatsch zu beteiligen.

Deswegen ließ er seine junge Frau immer häufiger zu Hause. Er meinte, sie müsse sich erst bilden, und spannte seine Verwandtschaft ein, um sie erziehen zu lassen. Ausgesuchte Abschnitte aus Dichtungen wurden mit ihr gelesen, einige sollte sie gar auswendig lernen, und er beschaffte ihr Bücher über Geschichte und Geographie. Ihm zuliebe nahm sie sich eine vierbändige Geschichte Roms vor. Aber es war völlig nutzlos. Aus Büchern wußte sie nichts zu lernen.

Zum Ärger ihres Mannes, der ihr schon bald nicht mehr verbarg, daß er eine Geliebte hatte, haperte es auch mit der Rechtschreibung. Ebenso mißfiel ihm der Stil ihrer Briefe. Ihm zu schreiben, wenn er verreist war, wurde ihr immer schwerer, und sie sah sich deswegen nach Hilfe um. Doch er merkte es und verbot ihr diesen Ausweg.

Was er nicht bemerkte, war ihre natürliche, intuitive Auffassungsgabe: In Gesprächen, also gerade auf Gesellschaften lernte sie – nicht daheim aus Büchern. Sie liebte und brauchte Geselligkeit, wo sie ihren alle bezaubernden Charme wirken lassen konnte, mit dem sie es noch weit bringen sollte.

Von ihrem Mann, der ihr den ihr gemäßen Weg verstellte, trennte sie sich. Inzwischen war sie 22, hatte zwei Kinder, war weltgewandt und sicher und sah sehr gut aus. Dies und ihre Fähigkeit, immer und überall Freunde zu gewinnen, halfen ihr über die folgenden wirren Jahre mit Geld- und Nahrungssorgen und sogar Gefängnishaft gut hinweg.

Im Gefängnis (wo sie ihren Mann noch einmal wiedersah, bevor er zum Tode verurteilt wurde) stellte sie zu ihren Kindern einen Nachrichtenweg her, und zwar über ihren Schoßhund, einen Mops, der regelmäßig den Weg zu ihr in die Zelle fand. Später, als sie wieder frei war und anfing, in der Gesellschaft eine Rolle zu spielen, verdarb dieser Mops ihrem zweiten Mann die Hochzeitsnacht. Da sie dessen Vorschlag, „das Biest“ von nun an nicht mehr in ihrem Schlafzimmer schlafen zu lassen, zurückwies, kam es zwischen Mops und Bräutigam zu einem Eifersuchtsdrama, und der Mops biß den Bräutigam in den Knöchel. Gut ein Jahr darauf ereilte auch ihn das Schicksal. Nachdem er das gesamte Personal tyrannisiert hatte, indem er nach allem und jedem schnappte, wurde er eines Morgens im Park von einer Dogge, die einem der Köche seines Herrn gehörte, totgebissen.

Sie liebte Tiere, und es wurde ein neuer Mops angeschafft, diesmal eine Hündin, die jedoch nicht sehr gesund war und – obwohl man von weither einen der besten Ärzte kommen ließ – bald starb. Ihr folgten noch mehrere Möpse, auch kleine schwarze Spitze und einmal ein paar Schäferhunde, die neben ihr auf dem Sofa sitzen durften. Sie hielt zahlreiche Papageien und Sittiche, und in einem ihrer Parks hatte sie eine ganze Menagerie: Merinoschafe, Schweizer Kühe, Gazellen, Gemsen, Känguruhs, schwarze und weiße Schwäne, Enten aus China, einen Strauß, Molukkentauben, Affen, Flughörnchen, Störche, Kraniche, eine Robbe, einen Königsgeier, einen Adler. Auch ein Schimpanse war da, der einen Anzug trug und manchmal mit Messer und Gabel bei Tisch mitaß.