Anspannung festhalten, den Vorgang im Detail dokumentieren", notierte sich Günter Grass, als Gustav Heinemann im dritten Wahlgang zum Bundespräsidenten erkoren worden war. Der knappe Sieg der Vernunft, der die Wahl eines Staatsoberhauptes von Gnaden einer neuen Harzburger Front verhinderte, sollte nicht so rasch vergessen werden. Auf Bitten des parteipolitisch engagierten Schriftstellers schrieb der ehemalige sozialdemokratische Sprecher Frank Sommer eine Chronik des Wahltages und steuerte "Spiegel-Reporter Hermann Schreiber ein liebevoll gestricktes Porträt bei. Den Sinn dieses Unternehmens

Hermann Schreiber/Frank Sommer: "Gustav Heinemann, Bundespräsident", mit einem Vorwort von Günter Grass; Fischer Bücherei 957, Frankfurt/M. 1969; 143 Seiten, 2,80 DM.

umreißt Schreiber in seinem Schlußsatz: Wenn gelten solle, in diesem Land, "daß wir der Staat sind, wir Bürger", dann liege eine Chance in den Worten Heinemanns, er wolle "Bürger-Präsident" sein. "Ergreifen wir sie, ergreifen wir ihn. Denn er ist unser."

Jene, die in den fünfziger Jahren mit Heinemann gegen die Wiederaufrüstung und die Westintegration gekämpft haben, um zu verhindern, daß die Spaltung des Vaterlandes vertieft wurde, melden sich noch einmal zu Wort in der Spruchsammlung mit dem durchaus ernstgemeinten Titel

"Worte des Vorsitzenden Gustav. Heinemann zu Lebensfragen unseres Volkes", zusammengestellt von Uwe Greve und Hanns-Martin Zywietz, Nachwort von Wolf Schenke; Holsten-Verlag, Hamburg 1969; 164 Seiten, 9,80 DM.

Außer dem Konflikt mit Adenauer werden Heinemanns Ansichten zur Ost- und Deutschlandpolitik, zur Demokratie, zur Strafrechtsreform und zum Thema Christentum und Politik wiedergegeben, darunter Passagen aus dem Fernsehinterview mit Günter Gaus, darunter auch sein sarkastisches Paulskirchenwort von der dominierenden Weltanschauung der Bundesrepublik: "Viel verdienen – Soldaten, die es verteidigen – und Kirchen, die beides segnen." Sein schönstes Zitat fehlt leider: "Ich liebe nicht den Staat, ich liebe meine Frau." Kj