Man traute seinen Ohren nicht: Einen Erfolg für Amerika und Südvietnam nannte Staatspräsident Thieu den Abzug von 814 amerikanischen Soldaten aus dem Mekong-Delta, den ersten von 25 000, die bis August die Heimat wiedersehen sollen. Doch was bleibt dem Saigoner Regime anderes übrig, als gute Miene zu machen? Was als "Wachablösung" deklariert wird, ist nichtsdestoweniger der Beginn des amerikanischen Rückzugs aus den vietnamesischen Reisfeldern. Alle Augenwischerei kann nicht über das Faktum des einseitigen Disengagements hinwegtäuschen. Den Wandel in der amerikanischen Vietnam-Politik, den grundlegenden Unterschied zur Ära Johnson-Rusk, hat Außenminister Rogers letzte Woche in aller Öffentlichkeit klargemacht: Amerika müsse gewisse Risiken auf sich nehmen, um den Krieg zu beenden. Inoffiziell kann man sogar die Meinung hören, nur noch eine "größere", nicht aber eine "mäßige" Offensive des Vietcong könne Washingtons Pläne stören.

Noch im August muß Nixon die nächsten Abzugsraten festlegen, damit er sein Versprechen halten kann, allein in diesem Jahr 100 000 Mann über den Pazifik zu schaffen. Dafür erwartet Washington vom Gegner ein Abflauen der Kampftätigkeit. Den Propagandisten des Nixon-Programms kam es zu paß, daß sich einige Geheimdienstberichte aus Vietnam als "Signale" für ein Einlenken der Nordvietnamesen und der Befreiungsfront auslegen ließen: Seit Juni war die Zahl der feindlichen Angriffsoperationen, der Raketenüberfälle und Terrorakte stark zurückgegangen, hatten sich drei nordvietnamesische Regimenter über die nahe Grenze nach Kambodscha abgesetzt und hatte der Nachschubfluß auf der laotischen Dschungelstraße nachgelassen.

Aber die optimistische Lagebeurteilung wurde jäh durch heftige Attacken auf amerikanische Stützpunkte gestört. Auch am Pariser Verhandlungstisch blieben Konzessionen der Gegenseite aus. Die Revolutionsregierung hält unbeirrt an der Taktik fest, den Abmarsch von 25 000 Mann als "bedeutungslos" und den geplanten Abzug von 200 000 bis Ende 1970 als "ungenügend" hinzustellen.

Militärisch überzeugt dieser Einwand: Es kann der Befreiungsfront nicht gelingen, die an Zahl überlegene südvietnamesische Armee zu überwinden, solange amerikanische Kanonen und Bomber im Lande bleiben. Politisch jedoch bedeutet jede neue Reduzierung der amerikanischen Kampftruppen eine Schwächung der moralischen Widerstandskraft des Saigoner Regimes. Hanoi und die Revolutionsregierung werden darum versuchen, eigene Konzessionen möglichst lange hinauszuzögern, damit sich dieser Erosionsprozeß noch nachhaltiger auswirken kann. Sie haben mehr Geduld und mehr Zeit als Nixon.

Karl-Heinz Janßen