Von Rudolf Ströbinger

Der Rausch von acht Monaten Freiheit ist ausgeträumt. Die Namen, die mit den Wünschen des Volkes identifiziert wurden, verblassen. Den Schock der Panzer in den Straßen Prags hat die Welt schon fast überwunden. Was seit dem 21. August über die Tschechoslowakei geschrieben wurde und aktuell sein sollte, kann nun nach Glaubwürdigkeit der Fakten und Thesen geprüft und an der gegenwärtigen Entwicklung gemessen werden. Nach dem Ursprung des politischen Ausbruchs im Frühjahr 1968 suchte

Premysl Pitter: „Geistige Revolution im Herzen Europas – Quellen der tschechischen Erneuerung“; Rotapfel-Verlag, Zürich und Stuttgart; 128 Seiten, 9,80 DM.

Was in der Tschechoslowakei geschah, sieht der Autor als „die Fortsetzung eines jahrhundertelangen Ringens gegen die Gewalten, die das Gewissen und die freie Entfaltung des Menschen behindern ...“. Pitter – ein Geistlicher, ein Humanist – vereinfacht sich aber die Sache ein wenig. Die Zeit der böhmischen Reformation (Johannes Hus) hat gewiß das tschechische Geistesleben stark mitgeprägt; auch der Einfluß von Comenius und des ersten tschechoslowakischen Staatspräsidenten T. G. Masaryk, auf die sich Pitter beruft, darf nicht unterschätzt werden. Aber der Ausbruch war erst möglich, und Pitter gibt es auch zu, als die „Kommunistische Partei selbst zur Trägerin der verheißungsvollen Erneuerungsbewegung wurde“. Da die Nichtkommunisten 1948 aus allen wichtigen Positionen verdrängt worden waren, konnten sie an der Entstehung des Demokratisierungsprozesses machtpolitisch kaum einen bedeutenden Anteil haben. Und unter jenen Kräften, die in der Kommunistischen Partei den Sturz Novotnys vorantrieben, müssen die marxistischen Intellektuellen zuerst genannt werden. Sie waren weit mehr von Marx und Gramsci beeinflußt als vom Gedankengut der Reformation oder vom humanistischen Realismus Masaryks, der erst viel später bei der Bevölkerung eine Resonanz fand.

Gründlicher in der Analyse ist das Buch von

Eugen Löbl/Leopold Grünwald: „Die intellektuelle Revolution – Hintergründe und Auswirkungen des ‚Prager Frühlings‘“; Econ Verlag, Düsseldorf; 308 Seiten, 18,– DM.

Nicht die Negation des Sozialismus war das Ziel, sondern die Befreiung der sozialistischen Ideen von den Deformationen der stalinistischen Ära und des sturen Dogmatismus. Der von Marx als Todfeind des Sozialismus angesehene Staatsapparat der Bourgeoisie hatte in der Tschechoslowakei nur eine andere Qualifikation, nicht aber eine andere Form erhalten. Nach Löbls Meinung hatten die Verhältnisse in der Tschechoslowakei und den anderen sozialistischen Ländern überhaupt nichts mehr mit dem Sozialismus gemeinsam. Deshalb sollte die Oligarchie der „Neuen Klasse“ durch eine Revolution der sozialistischen Intellektuellen gestürzt werden, damit endlich ein Sozialismus mit menschlichem Antlitz gedeihen konnte.