ZDF, Mittwoch, 2. Juli: „Kim Philby war der dritte Mann“

Über Harold Adrian Russell Philby sind Zeitungs- und Zeitschriftenartikel zu Dutzenden und drei Bücher geschrieben worden. Grund dazu hat’s genug gegeben: Kim Philby war Englands bester Berufsspion. Er war es freilich auf eine für England peinliche Art. Als führender Beamter im britischen Geheimdienst war er in der Tat ein Agent der Sowjets; und dieser Mann des Kremls war drauf und dran gewesen, Chef der britischen Spionageabwehr zu werden. Solche Pointe zu einem Treppenwitz der Geheimdienstgeschichte blieb jedoch aus, weil...

Also, das war so: Da war Kim Philby, und der benahm sich derart blöd, daß die blonde Patricia, Bilderbuchsekretärin des britischen Abwehroffiziers in Istanbul, es gleich gewußt hat: Der ist ein Verräter! Da waren schnurrbärtige Männer aus dem Karl-May-Land der Skipetaren; und wären sie nicht von Kim Philby vor Kimme und Korn der roten Maschinengewehre geliefert worden, dann wäre Albanien heute NATO-Partner. Und da waren vor allem Guy Burgess und Donald Maclean. Die tranken noch mehr Whisky als Kim Philby und hurten, keinesfalls übrigens mit Mädchen, und spionierten, ebenfalls für die Sowjets, versteht sich, und riskierten eine große Klappe und taten alles als britische Diplomaten.

Wäre nicht Allen W. Dulles, der Boß des amerikanischen Geheimdienstes, auf der Hut gewesen, lägen sie womöglich immer noch im Lotterbett des Londoner Westens. Doch weil man täppisch zögerte, sie zu verhaften, entkamen sie gen Rußland. Und da war wieder die blonde Patricia; sie war mittlerweile aus dem Vorzimmer in den Party-Salon gewechselt und mit einem treuen Abwehroffizier verheiratet. Keinen Zweifel gab es mehr für sie: Kim Philby ist der „dritte Mann“! Nur er konnte Burgess und Maclean gedeckt und gewarnt haben. Ähnliches dämmerte auch den Leuten im Foreign Office. Zu spät. Bald darauf schickte Kim Philby Spionengrüße aus Moskauer Sicherheit. Er lebt dort heute als Agent im Ruhestand, 57 Jahre alt.

Das etwa ist die Story, die den Fernsehzuschauern in einem „Dokumentarspiel“ vorgesetzt wurde. Und was immer das auch sein mag, ein Dokumentarspiel – dieses Spiel war falsch.

Die Autoren, Wolfgang Bretholz, der den politisch-diplomatisch-geheimdienstlichen Part bearbeitet hat, und Hermann Kugelstadt, der alles „farbig“ verpackte, boten ein Gruselstück: so fintenreich finster geht der Kreml zu Werke. Achtung, hinter Ihnen steht einer, ein Agent! Genau damit aber wird der Fall Philby verharmlost.

Daß Kim Philby von 1934 an Agent der Sowjets war, daß er unter anderem vielleicht einen Aufstand in Albanien verhinderte und daß er die sowjetische Atomspionage in Washington abschirmte, das alles ist Fleisch, aber nicht der Kern einer faulen Frucht. Das eigentliche Thema ist die Blindheit einer Klubgesellschaft, für die nicht sein kann, was nicht sein darf. Kim Philby und Guy Burgess und Donald Maclean gehörten zu dem, was man inzwischen mit dem Allerweltswort „Establishment“ bezeichnet. Sie waren als Schüler von Westminster oder Eton und als Studenten von Cambridge und besonders als Sprößlinge sogenannter „guter Familien“ für den diplomatischen und Geheimdienst gleichsam prädestiniert. Sie brauchten kaum eine Prüfung und keine Disziplinarstrafe zu fürchten. Sogar der Außenminister spannte seinen Schirm über Kim Philby auf: Macmillan erklärte im Unterhaus, gegen den Sohn des berühmten Vaters St. John Philby liege nichts Belastendes vor. Als man ihn aus der Schußlinie der Amerikaner schob, fand der Agent Zuflucht als Korrespondent von Zeitungen, an deren Seriosität nicht zu rütteln ist. Nebenbei blieb er im Geheimdienst.