Von Thomas von Randow

Ein Deutscher sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen tun.“ Mit diesem Arndt-Zitat über den wahren Charakter der Deutschen belehrte ein Amerikaner die Bürger Offenburgs. Wernher von Braun, Direktor des George C. Marshall Space Flight Center in Huntsville (US-Staat Alabama), war als Gast des Bilderblatt-Verlegers Burda („Bunte Illustrierte“) in das badische Städtchen gekommen, um für zwei Bücher zu werben: für eine von-Braun-Biographie und einen Bildband über die Fahrt zum Mond. Eine Tat um der Sache willen, ohne Frage. Blond, blauäugig, groß und trotz seiner 57 Jahre jungenhaft frisch, ließ er sich als „berühmtester Deutscher der ganzen Welt“ von Burda seinen „lieben Offenburgern“ präsentieren.

Während Wernher von Braun an der Ortenau geduldig Hunderte von Autogrammen in steiler Schrift auf Postkarten, Zeitungsränder und in Bücher kritzelte, trafen am Banana-River in Florida Wissenschaftler und Techniker des Kennedy-Raumfahrtzentrums die letzten Vorbereitungen zu dem Schuß, der das Werk des Raumfahrt-Siegfrieds krönen soll: zur Reise auf den Mond, angetrieben mit Brauns Superrakete Saturn-V.

Mit Raketen hatte sich der Sprößling einer alten westpreußischen Familie schon als Knabe beschäftigt. Aktenkundig wurde dieses Hobby an einem Frühsommertag im Jahre 1924, als Vater Magnus von Braun – später Reichslandwirtschaftsminister bis zu Hitlers Machtübernahme – seinen zwölfjährigen Sohn von einem Berliner Polizeirevier abholen mußte. Auf der Tiergartenstraße hatte der Junge erfolgreich ein raketengetriebenes Fahrzeug gestartet und damit Passanten in Furcht und Schrecken versetzt.

Der Lebenslauf des Mannes, der nicht nur die Motoren für die Weltraumfahrt gebaut hat, sondern auch selbst der stärkste Motor dieser technologischen Entwicklung ist, dieser Weg vom Jugendtraum zu dessen Verwirklichung, ist von strenger Konsequenz gezeichnet. Als Gymnasiast begeisterte er sich an utopischen Weltraum-Reisegeschichten und an den trocken technischen Darlegungen von Professor Hermann Oberth, der den wissenschaftlichen Nachweis erbracht hatte, daß der Sprung in den Kosmos durchaus realisierbar sei. Als Student stellte er sich vor ein Warenhaus, um den Vorübergehenden von Raketenreisen zu fernen Welten vorzuschwärmen und Geld für den „Verein für Raumschiffahrt“ zu sammeln; zugleich beteiligte er sich an den ersten praktischen Versuchen dieses Vereins auf einem alten Exerzierplatz in Plötzensee. Dort wurden nach Oberths Idee gebaute Raketenmotoren getestet und alsbald auch die ersten Raketen in den Himmel geschossen.

Man weiß nicht, welches Talent bei Braun überwiegt, die Gabe, eindrucksvoll für seine Pläne zu werben, oder sein technisches Können. Charakteristisch ist sein Sinn für Opportunität. Als sich ihm die Chance bietet, seine Raketenbastelei im Auftrag der Reichswehr fortzusetzen, erkennt er durchaus das Handikap für seine Arbeit: Geheimhaltung und die Konzentration auf die militärische Verwendbarkeit der Raketen stehen der Verwirklichung seiner Weltraumpläne entgegen. Aber ihm kam es vor allem auf die Entwicklung der neuen Technik an, und die war mit staatlichem Geld zügiger voranzutreiben.

Der Zivilist in militärischen Diensten tut um der Sache willen viel. Er baut in Peenemünde – den Platz hat seine Mutter ausgesucht – ein auch nach heutigem Maßstab eindrucksvolles Forschungs- und Entwicklungszentrum auf, dessen eindeutige Aufgabe darin besteht, Fernwaffen mit „traumhafter Reichweite“ zu produzieren. Als Hitler dem Raketenprogramm die Vorrangigkeit entzieht, rührt Dr. von Braun im Führerhauptquartier die Werbetrommel. „Hitler schien nicht begreifen zu können, wie etwas ohne Propeller fliegen kann“, erinnert sich der Raketenfachmann. Er entschließt sich, dem Führer die Sache in einer Art Volkshochschulprogramm mit Demonstrationen klarzumachen, und hat Erfolg.