Von Horst Krüger

Eigentlich kann ich es nur jedem empfehlen. Wenn man sich als Bewohner der Großstadt einmal mißgelaunt und erschöpft fühlt, wenn man gereizt ist vom Gewühl der City, frustriert vom Straßenverkehr oder vom Umgang mit deutschen Polizisten – dann sollte man in einen Hippie-Laden gehen. Man sollte ein Geschäft aufsuchen, das spezialisiert ist auf Underground. Es gibt diese Boutiquen der Revolution heute in fast allen Großstädten, meist im Zentrum, in Nebenstraßen.

Ich kann aus eigener Erfahrung zusichern, daß der Besuch wirksam sein wird zur Beruhigung und Entspannung der Seele. Der ermüdete und gequälte Europäer, dieses Hochleistungstier der Industriegesellschaft, das dauernd funktionieren und parieren muß, das immer erwachsen, brav und angepaßt sein soll, wird hier den Balsam einer reinen, ach, einer heilen Gesellschaft finden. Vieles in solchen Läden sollte schockieren; merkwürdig, auf mich wirkt es so beruhigend. Underground wirkt auf mich wie Medizin, vergleichbar etwa dem Baldrian, den Hoffmannstropfen, die noch unsere Großeltern nahmen.

In der Frankfurter City zum Beispiel, in einer Nebenstraße. Man ist durch diese glatte, gläserne Monotonie der Zeil gekommen, dauernd an Warenhäusern, Verkaufspalästen, Schaufenstern vorbei: ein öder, immerwährender Ausverkauf unserer Kultur, betätigt von diesen glatten, leeren, etwas zu dick geratenen Gesichtern, den Konsumdeutschen. Drinnen im Hippie-Laden ist solche Heimsuchung rasch vergessen. Schlanke Tröstung erwartet uns. Es ist plötzlich, als wenn man am Rio de la Plata oder in Indien wäre: Dschungelwelt, warm, weich, süßlich im Geruch, also Mutterwelt. Wir befinden uns im Sumpfgebiet unserer Hochzivilisation. Es wird alles geboten, was anderswo leicht unterdrückt wird: die vielen kleinen Liebenswürdigkeiten der Revolution, diese süße, herrliche Orgie in linkem Kitsch. Protestzubehör. Eine linke, kritische Abart von Beate Uhse: Was man so braucht, um standesgemäß auf die Barrikaden zu steigen.

Keller-Atmosphäre, das schummrige Halbdunkel von Höhlen, von verborgenen Projektoren aufgehellt, die manchmal betörende Farbspiele über den Wuschelköpfen der Kunden kreisen lassen. Ein Tiefviolett herrscht vor, das streng an das Violett der römischen Karwoche erinnert. Vom Tonband neben der Kasse kommt jene ziehende, saugende, monotone Musik, die man heute psychedelisch nennt. Es ist mir dabei immer so, als hätte ich sie schon auf arabischen Märkten gehört. Ein kräftiger Geschmack von Haschischrauch steht in der Luft, doch dürfte es sich um harmlose Aroma-Essenzen handeln, die man für fünfzig Pfennig in kleinen Tüten verkauft, gleich an der Kasse.

Es ist also wie in Tausendundeiner Nacht, nur daß die Geschichte, die hier erzählt wird, politisch ist. Es zeigt sich alles im Maßstab der Weltpolitik. Gleich vorn am Ladentisch, auch neben der Kasse, kann man tatsächlich noch immer die handlichen roten Mao-Bibeln kaufen, ein immerwährender Bestseller, von dessen Verkaufs-Pegel uns merkwürdigerweise keine Spiegel- Liste berichtet. Photos und Plakate, Posters genannt, die überlebensgroß noch immer Ché und Ho Tschi-minh zeigen, dann aber auch amerikanische Underground-Götter: halbnackt auf schweren Motorrädern und ganz faschistisch mit ihren SS-Schirmmützen und Naziorden auf schön behaarter Männerbrust. Also der alte Cocteau mit frischem Rockereinschlag: die tödlichen Engel heute.

Das führt zur Porno-Abteilung, die freilich, gemessen an dem, was heute das freie Skandinavien bietet, in Deutschland noch immer so schulbubenhaft-verängstigt wirkt. Zwei junge Damen zum Beispiel, die ihr anmutiges Hinterteilchen sehr entblößt im Großformat zum Gruß anbieten. Kolorierte Comics, die vollbusige Weltraumfahrerinnen, hingestreckt zwischen Mars und Venus, sozusagen in den Vorfreuden eines kosmischen Beischlafs zeigen: die jüngste Gigantomachie der kleinen Jungens im Zeitalter der Astronauten. Nannten wir das, bei Ludwig Klages studiert, nicht früher einmal den kosmogonischen Eros? Dann gibt es Zeitschriften – von sehr weit her. Die Peking-Rundschau zum Beispiel, seit kurzem auch (wie das Deutsche Fernsehen) in Farbe, schon koloriert. Dokumente zur Kultur-Revolution in China, Zeitschriften aus Kuba, die Village-Voice, das intelligente, freche Wochenblatt der Gammler vom Washington Square. Leider fehlt in solchen Boutiquen immer die Prawda und auch Neues Deutschland. Ich bedauere das, als Europäer würden sie mich mehr interessieren, aber so ernst meint man die sozialistische Provokation nun auch wieder nicht. Die DDR bietet so viele Pop-Elemente. Warum zeigt man sie nicht?