Bremen

Die Knobelei im Bremer „Club 222“ hat aufgehört. Richard Boljahn („König Richard“), abgewählt als Fraktionsvorsitzender der SPD seit 1968, mächtiger Gewerkschaftsboß bis heute, zeigt Fernweh. Japan lockt ihn mehr als die Kellerbar seines Freundes Wilhelm Lohmann („Millionenwilly“) in der Schwachhauser Heerstraße 222. Und von „RiBo“, dem nach ihm genannten Knobelspiel, einem der vielfältigen Amüsements im „Club 222“, will Richard Boljahn derzeit nichts wissen. Laut Pressemeldungen bedachte der Initiator der Trabantenstadt „Neue Vahr“, die im Volksmund „Boljahnograd“ heißt, seine erregten Genossen, die ihn vom Japantrip zurückhalten wollten, mit dem Götz-Zitat. Sein Parteifreund, Bausenator Blase, hatte das ein paar Tage zuvor ohne Berlichingen geregelt: Er war in ein bayerisches Sanatorium enteilt. Geknobelt wird weiter in Bremen, nur findet das Spiel „RiBo“, der Kelleratmosphäre entrissen, jetzt unter Augen und Ohren der Bremer Öffentlichkeit statt.

Ausgerechnet im Wahljahr ist Bremen in den ärgsten politischen Skandal seiner Nachkriegsgeschichte hineingeschliddert. Auf der imaginären Anklagebank sitzen, wenig einträchtig, aber zusammengeschmiedet durch Anschuldigungen, Prominente von SPD, FDP und CDU. Bürgermeister Koschnick (SPD), in Amt und Bürden seit knapp zwei Jahren: „Die ungeheuerlichen Vorwürfe müssen sofort geklärt werden, sonst treiben wir die Hasen in die Scheuern der NPD.“ Klären sollen der Rechnungshof und ein parlamentarischer Untersuchungsausschuß.

Der seit langem gemunkelte, von der mitregierenden FDP vor Monaten ausgesprochene, von den Jungsozialisten im April ausgepackte und von ihren Alt-Genossen empört dementierte Vorwurf, den die Presse jetzt platzen ließ, heißt: Dem Makler Lohmann, SPD-Mitglied seit 1959, ausgetreten aus der Partei am 3. Juli 1969 – vermutlich um einem Ausschlußverfahren zuvorzukommen –, sei es mit Hilfe bekannter Politiker möglich gewesen, seit Jahren aus öffentlichen Mitteln Millionengewinne zu erzielen. Von seinem Intimus Boljahn soll Lohmann Spekulationstips, von FDP-Finanzsenator Speckmann Erlaß der Grunderwerbsteuer bekommen haben. Einer der Anwälte, die Lohmann in undurchsichtig scheinende Kaufverträge eingesetzt haben, ist der CDU-Abgeordnete Kulenkampff. Er hat seine politischen Ämter bis zur Klärung der Affäre niedergelegt.

Von Makler Lohmann erzählt man sich in Bremen, er besorge alles schneller, zeitsparender, preisgünstiger und qualitativ besser als andere. Also engagierte sich die halbstaatliche Grundstücksgesellschaft „Weser“ den Cleveren, als es um Grundstücksankäufe im Hollerland, einem ländlichen Gebiet an der Grenze Niedersachsens ging. Dort ist ein Milliardenprojekt, der Bau einer neuen Trabantenstadt geplant. Just als er ins große Geschäft einstieg, empfing der Makler einflußreiche Gäste in seiner Sommerresidenz auf Mallorca – den Aufsichtsratsvorsitzenden der „Neuen Heimat“ in Bremen, Richard Boljahn und Bausenator Blase. Von nun an diente und verdiente Lohmann unermüdlich, er kaufte, verkaufte, baute und strich die ihm zustehenden Provisionen ein. In der Kellerbar seines Bremer Hauses, dem „Club 222“, fühlten sich außer Boljahn auserwählte Genossen zunehmend heimisch.

Daß Lohmann seinem Freund „RiBo“ wertvolle Spekulationstips verdankt, wird von Richard Boljahn entrüstet zurückgewiesen, Lohmann indessen soll dies gleich zweimal einer Tageszeitung anvertraut haben, der nun, nach der Veröffentlichung von Lohmann und Genossen ein Prozeß angedroht wurde.

Die Transaktionen beim Projekt „Hollerland“ wären vermutlich intern geregelt worden, ohne den Fall „Autobahnverbreiterung der Autobahn Bremen–Hamburg“. Für dieses Vorhaben ist der Bund finanziell zuständig, es hätte Bremen keinen Pfennig gekostet. Aber auch dabei wurde der Makler Lohmann eingeschaltet. Von wem, das weiß zur Stunde niemand genau. Ein Schreiben, aus dem klar hervorgeht, daß die Bauverwaltung Lohmanns Auftraggeber war, wird von einem Regierungsdirektor der Liegenschaftsverwaltung als „Panne“ bezeichnet. Der Bund weigert sich jedenfalls, die Makler-Courtage an Lohmann zu zahlen, weil nach seiner Meinung die Einschaltung eines Maklers völlig überflüssig war. Wahrscheinlich wird der Stadtstaat Bremen die Maklerprovisionen aus öffentlichen Mitteln finanzieren müssen.