Es ist mittlerweile fast ein alltäglicher Vorgang, daß den Gewerkschaften von den verschiedensten Seiten Ratschläge gegeben und Orientierungshilfen angeboten werden. In den Wochen unmittelbar vor und nach dem DGB-Bundeskongreß in München haben sich diese Bemühungen verstärkt. Das Spektrum der Angebote für ein neues Selbstverständnis der Gewerkschaften reicht von der Aufforderung, sich in eine Zentrale der „Außerparlamentarischen Opposition“ umzuwandeln, bis hin zu der beschwörenden Mahnung, sich doch endlich auf die Funktion. als „Verstärker der Produktivkräfte“ (Balke) zu besinnen.

Wer mit der Geschichte der Gewerkschaften vertraut ist, dem ist bekannt, daß die Gewerkschaften seit ihrer Entstehung dem Druck jener Kräfte, die einem ziellosen Umsturz der Gesellschaftsordnung das Wort redeten, erfolgreich widerstanden haben. Von der Massenstreikdebatte um die Jahrhundertwende bis hin zu den zahlreichen Spaltungsversuchen innerhalb der freien Gewerkschaften in den zwanziger Jahren sind die Gewerkschaften ihren Weg als demokratische Arbeitnehmerorganisation unbeirrt gegangen. Daß sie im Kapp-Putsch die erste deutsche Demokratie vor einem jähen Ende bewahrt haben, ist nur eine Konsequenz aus diesem Selbstverständnis.

Wenn Balke in einem Beitrag in dieser Zeitung behauptet, die Niederringung des Kapp-Putsches sei der letzte „politische Erfolg“ der Gewerkschaften gewesen und beim Untergang der Weimarer Republik hätten sie „kein Rad zum Stillstand“ gebracht und deshalb versagt, so ist eine. Solche Behauptung nicht nur falsch, sondern wirkt aus. dem Munde eines Unternehmervertreters wie blanker Hohn.

Wer hat denn seinerzeit den wirtschaftlichsozialen Zusammenbruch heraufbeschworen und damit dem braunen „Rattenfänger“ den Weg geebnet, ganz abgesehen von der direkten Finanzierung Hitlers durch Kreise der deutschen Industrie? Waren vielleicht die Gewerkschaften für die Wirtschafts- und Staatskrise verantwortlich und für 6 Millionen Arbeitslose, die keine Hoffnung mehr sahen, und in Resignation versanken? Muß denn immer wieder klargestellt werden, daß jene unheilvolle Allianz restaurativer Kräfte aus Wirtschaft und Politik durch überholte Ordnungsvorstellungen und durch eine überholte Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik den Boden für den Zusammenbruch bereitet haben?

Hier liegt auch der tiefere Grund dafür, daß sich die Gewerkschaften nach dem Kriege als Einheitsgewerkschaft neu formiert und sich in stärkerem Maße als in der Weimarer Republik in die politische Gesamtverantwortung eingeschalt tet haben. Die 20 Jahre Wirtschafts- und Gesellschaftsentwicklung in der Bundesrepublik sind mit ein politischer Erfolg der Gewerkschaften. Sie haben, wie in kaum einem anderen Land der westlichen Welt, durch ihre zähe und manchmal natürlich auch harte, in jedem Fall aber der Gesamtheit verpflichtete Politik am Wiederaufbau und – an der Weiterentwicklung unserer wirtschaftlich-sozialen Grundordnung mitgewirkt.

In diesem Punkt entstehen allerdings immer wieder Mißverständnisse und Meinungsverschiedenheiten. Vielen, auch wohlmeinenden Kritikern, paßt das politisch-soziale Engagement der Gewerkschaften nicht. Sie würden es am liebsten sehen, wenn sich die Gewerkschaften darauf beschränkten, als Ordnungsfaktoren des Status quo zu fungieren. Sozialkritik und Reformvorstellungen, also die Mitwirkung am Aus- und Umbau der bestehenden Ordnung, werden als illegitimer Anspruch der Gewerkschaften abgewertet.

So offenbar auch Troebst in seinem Beitrag. Ihm „sträuben sich ... die Haare“, wenn er die Verbandspresse aufschlägt oder Kongreßreden hört, er beklagt, daß die Sozialpartner immer noch Gefangene von Vorurteilen seien, und er weiß von einem Klima der Verschwörung auf beiden Seiten zu berichten, das ihm im höchsten Grade gefährlich zu sein scheint. Und er glaubt feststellen zu können, „daß sich die Fronten von Jahr zu Jahr mehr versteift haben“, und fragt deshalb, ob nicht Schillers „soziale Symmetrie“ in eine „soziale Hysterie“ umzuschlagen drohe.