„Klaviermusik von Luciano Berio, Pierre Boulez und Anton Webern“; Claude Helffer; Guilde Internationale du Disque SMS 2590, 25,– DM

Ein Kompendium neuerer Klaviermusik: Zwölftöniges, Serielles, Klangfarbenmelodie, Aleatorisches. Es beginnt zwölftönig mit Webern, mit einem gerade aufgefundenen postumen „Klavierstück im Tempo eines Menuetts“ und den „Variationen op. 27“, sozusagen der Heiligen Schrift von Pianisten und Komponisten der frühen Darmstädter Nachkriegsjahre. Dann Pierre Boulez. Er übersetzte einmal den kompositionstechnischen Verwirrbegriff „Aleatorik“ mit „gelenkter Zufall“, und noch etwas anschaulicher formulierte er: „Es ist, wie wenn ein Güterzug durch einen Rangierbahnhof fährt – heute benutzt er Gleis drei, morgen Gleis fünf und übermorgen wieder einen anderen Weg.“ In seiner Dritten Sonate muß sich der Pianist durch einen solchen Bahnhof den Weg suchen: Die Reihenfolge der Satzabschnitte, die Zusammenstellung der „Blockstrukturen“ und der „Punktstrukturen“, die in Rot und Grün notiert sind, ist dem Interpreten überlassen. Diese neu zugestandene Freiheit resultierte als Gegenbewegung aus der allzu starren und beinahe mit dem Rechenschieber kalkulierten Erscheinungsform der Zwölftontechnik, in der außer Tonhöhe auch andere Qualitäten der Töne durch eine „Reihe“ (series) „seriell“ festgelegt wurden. Ganz anders Luciano Berio: Er fügt in „Sequenza IV“ Klänge aneinander und verändert sie, durch andere Anschlagarten, durch Tonverlagerungen, durch dynamische Gegensätze.

Claude Helffer, Schüler von Robert Casadesus und René Leibowitz, profitiert auch am Klavier von seinem ursprünglichen Physikstudium: Die Strukturen sind wie vom Millimeterpapier her gespielt, streng, klar, deutlich, exakt; Kühle und Sachlichkeit, brillante Technik, sensible Dynamik. Und dazu, wenn nötig, Brutalität und Zartheit. Eine im Programm wie in der Interpretation raffinierte Platte; von einigem Rauschen abgesehen: sehr empfehlenswert. Heinz Josef Herbort