Von Marion Gräfin Dönhoff

Seit langer Zeit ist keine Nachricht so wirbelsturmartig in den internationalen Blätterwald gefahren wie die Ankündigung, daß Nixon Bukarest besuchen werde. Gelegentliche Versuche, die Bedeutung dieser Reise durch die Frage zu relativieren, was denn wohl ein Präsident in zweimal zwölf Stunden vor aller Weltöffentlichkeit Geheimnisvolles anstellen könne, gehen unter in lautstarken, spekulativen Kommentaren.

In der Tat hat, seit Roosevelt in Jalta an der Konferenz vom Februar 1945 teilnahm, kein amerikanischer Präsident je wieder den Boden eines kommunistischen Landes betreten. Und schließlich sind noch keine zwölf Monate vergangen, seit der 21. August und die Ereignisse in der ČSSR eine deutliche Zäsur setzen.

Damals hatte Washington nicht einmal zu protestieren gewagt, und damals war man allgemein der Meinung, die Okkupation der Tschechoslowakei bedeute eine neue Verfestigung und Verdichtung der Demarkationslinie, die die Einflußsphären der beiden Supermächte gegeneinander abgrenzt. Niemand hätte es nach dem sowjetischen Einmarsch in Prag für möglich gehalten, daß elf Monate später der Präsident der Vereinigten Staaten auch nur daran denken würde, Bukarest einen Besuch abzustatten. Also doch ein epochales Ereignis? Als Geste, als Zeichen sicherlich – als Veränderung politischer Fakten wohl kaum.

Man müßte mehr über die Beweggründe Nixons wissen, um diese Frage beantworten zu können, aber da sind wir alle miteinander auf Spekulationen angewiesen. Von vornherein ausschalten kann man sicherlich alle Vermutungen, Nixon wolle sich um einen Vermittler im Vietnam-Konflikt bemühen; desgleichen auch die Behauptung, es gehe ihm darum, mit Rumäniens Hilfe Kontakt zu China aufzunehmen. Zwar trifft es zu, daß in Bukarest der letzte im Ostblock noch amtierende Botschafter Chinas sitzt, aber für solche Zwecke wären weniger spektakuläre Unterhändler als der Präsident vermutlich geeigneter.

Nur eines ist ganz sicher: Die Reise nach Bukarest kann nicht als isolierter Vorgang gewertet werden, man muß sie im Kontext der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen betrachten. Welches also sind die wesentlichen Beweggründe Washingtons in seiner Politik Moskau gegenüber?

Die Vereinigten Staaten haben nicht erst seit Kennedys peace strategy, sondern schon in der letzten Phase der Eisenhower-Ära (Stichwort: Camp David) erkannt, daß Entspannung die entscheidende Voraussetzung für eine Friedensordnung ist. Darum haben sie nach Beendigung des Kalten Krieges systematisch auf einen Ausgleich mit der Sowjetunion hingearbeitet. Sie sind ferner vital interessiert an einem Stopp des Rüstungswettlaufs, ja, man wird sagen können, daß für sie die Strategie arms limitation talks (SALT) zur Zeit an der Spitze ihrer Dringlichkeitsliste stehen.