Von Heinz Michaels

Was sind schon dreizehneinhalb Millionen Mark? Es war wohl der Bankier Oppenheim, dem man nachsagt, er hätte darauf die passende Antwort parat gehabt: „Das ist eine ganz schöne Menge Geld, manchem Mann sein ganzes Vermögen.“

Dreizehneinhalb Millionen Mark – für das Volkswagenwerk ist dies gut ein zehntel Prozent des Umsatzes, knapp vier Prozent des Konzerngewinns von 1968. Um diese Summe also ging es, als die Aktionäre des größten, europäischen Automobilkonzerns am regnerischen Donnerstagmorgen letzter Woche in langen Autoschlangen zur Wolfsburger Stadthalle rollten, von freundlichen Polizisten genötigt, ihre Wagen ausgerechnet vor Parkverbotsschildern abzustellen. Ausnahmezustand in der Volkswagenstadt, der um das Auto gebauten Stadt, in der man sonst kaum Parknöte kennt.

Musikkapelle vor dem Eingang, dann eine gut geölte, reibungslos funktionierende Versammlungsmaschinerie, wohltemperiertes Licht im klimatisierten großen Saal der Stadthalle, der Mehrzweckhalle für Konzert und Theater, Ausstellungen, Feuerwehrbälle und eine Hauptversammlung. Parkettfußboden und bequeme Stühle – wie lange ist es her, seit mehr als 7000 VW-Aktionäre sich erwartungsvoll über den rauhen Zementfußboden der Halle 9 jenseits des Mittellandkanals schoben, um an der ersten Hauptversammlung des gerade privatisierten Volkswagenwerkes – „ihres“ Unternehmens – teilzunehmen: bei 36 Grad Hitze auf ausgeliehenen, harten Klappstühlen.

Viel hat sich gewandelt seit jenem Hochsommertag 1961. Nur noch knapp 2000 Aktionäre versammeln sich diesmal im Parkett und auf den Tribünen der Halle, immerhin jedoch mehr als in den letzten Jahren, denn diesmal soll es ja Rabatz geben, Rabatz wegen jener 13,5 Millionen Mark, die ein Fähnlein unzufriedener Volksaktionäre unter der Führung der Opponenten Fiebich, Koch und Pallien dem Vorstand abjagen wollen.

Wie Pappkameraden bei einer Geländeübung sitzen auf der Bühne Vorstand und Aufsichtsrat des Unternehmens hinter einem langen Tisch aufgereiht; rosa und rote Nelken hellen das feierliche Bild ein wenig auf. „Da ist zunächst die Frage nach der Höhe der Dividende“, packt Dr. Kurt Lotz den Stier gleich bei den Hörnern.

Seit einem Jahr sitzt der ehemalige Luftwaffenoffizier auf dem Stuhl, von dem aus Heinrich Nordhoff zwei Jahrzehnte lang die Geschicke des Unternehmens geleitet hat. Nur widerwillig hatte Nordhoff vor acht Jahren erstmals den Aktionären Rede und Antwort gestanden, denn er hatte von der Privatisierung nichts gehalten. Und deshalb verschreckte er die Aktionäre auch gleich: „In jedem Fall muß Klarheit darüber bestehen, daß von einer wie auch immer gearteten Dividendengarantie keine Rede sein kann.“ Denn das Automobilgeschäft sei ein risikoreiches, wetterwendisches Geschäft.