Während Amerikaner sich anschicken, den Erdtrabanten zu betreten, kommt aus Australien die Nachricht: Europa I wieder abgestürzt

Den meisten Zeitungen war die Nachricht nur wenige Zeilen wert, als sei der Fehlschlag zu erwarten gewesen. Zum zweitenmal hat der in Deutschland gebaute Teil der Europa-Rakete versagt, zum zweitenmal ist deshalb der Versuch mißlungen, von dem australischen Startplatz Woomera aus einen europäischen Satelliten in eine Kreisbahn zu schicken. Der Weltraum bleibt den Europäern noch verschlossen.

Peinlich für die Deutschen. Von unseren, Partnern kann man boshafte Kommentare hören – etwa, man habe ja schon lange gewußt, daß es mit der „deutschen Wertarbeit“ nicht mehr weit her ist. Die deutschen Hersteller wehren sich natürlich gegen solche Vorwürfe: „Der Fehlschuß sagt nichts aus über die Qualität der deutschen Raketentechnik.“ In der Tat mag Kritik unberechtigt sein, weil schließlich auch Amerikaner und Russen Fehlschlage erlitten haben, aber sie ist zumindest verständlich: Der nächste Startversuch wird zusätzlich rund 60 Millionen Mark kosten. Nun, Forschungsminister Stoltenberg will „persönlich eine Untersuchung leiten“ – vielleicht geht beim nächstenmal alles gut in Woomera.

Und dann? Hätten wir wirklich Anlaß, befriedigt und stolz zu sein, wenn irgendwann in einigen Monaten ein winziger „Europa-Satellit“ um die Erde kreist?

In diesen Tagen bereiten sich drei Amerikaner auf die Reise zum Mond vor. Wenn alles nach Plan verläuft, dann wird am Sonntag in einer Woche Neil Armstrong als erster Mensch seinen Fuß auf einen anderen Himmelskörper setzen. Der 20. Juli 1969 wird dann auf immer in den Geschichtsbüchern der Menschen verzeichnet bleiben.

Natürlich wird der Streit über Sinn oder Unsinn der Raumfahrt weitergehen, auch wenn den Amerikanern nur wenig später die Russen folgen. Sehr sinnvoll ist dieser Disput nicht, denn – wie Wernher von Braun einmal gesagt hat – „die Eroberung des Weltraums ist so unvermeidlich wie der Sonnenaufgang“. Und zumindest der ökonomische Nutzen steht außer Zweifel: 25 Milliarden Dollar, die von den USA für den Flug zum Mond aufgewendet worden sind, sichern der amerikanischen Industrie noch auf lange Zeit ihre technologische Spitzenstellung.

Es ist schon ein Ärgernis. Alle blicken hierzulande gespannt auf die neueste Statistik der Lebenshaltungskosten, streiten um ein paar Prozent mehr oder weniger Exportsteuer. Für die Fragen aber, von denen in Wahrheit unsere ökonomische Zukunft abhängt, interessiert sich kaum jemand. Am Ende werden wir zufrieden sein, daß die Amerikaner anbieten, später einmal auch Astronauten fremder Nationalität – gegen Kostenerstattung natürlich – mitfliegen zu lassen. Was könnte es auch Schöneres geben, als wenn eines fernen Tages ein von einem deutschen Astro-Touristen mitgeführter schwarzrotgoldener Wimpel auf den Mond gepflanzt wird.

Als ob es allein um Prestige ginge. Niemand wird dafür plädieren, daß die Deutschen sich nun auf einen Wettlauf mit den Supermächten einlassen – obwohl Europa mit vereinten Kräften viel erreichen könnte. Es geht auch nicht allein um die Raumfahrt: In Medizin und Kybernetik, in Meeresforschung und Biotechnik vollzieht sich der Aufbruch ins dritte Jahrtausend, in ein von Wissenschaft und Technik geprägtes Zeitalter. Und wir können sagen, wir sind nicht dabei gewesen. Diether Stolze