Klaus Wagenbach, stellte ein sehr empfehlenswertes Buch zusammen: „Deutsche Literatur der sechziger Jahre“

Von Karl Otto Conrady

Die Kritik am traditionellen deutschen Lesebuch, die vor etlichen Jahren eingesetzt hat, ist erfreulicherweise nicht folgenlos geblieben. Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Textsammlungen für alle Schulstufen, gegen die Robert Minder, Walther Killy und andere ihre Attacken nicht mehr zu führen brauchen. Die Vorherrschaft verklärter Gemüthaftigkeit ist dahin, aus den „Wurzelgründen des Daseins“ (Minder) raunt es in solchen Bänden nicht mehr, und der dörflichen Idylle ist gekündigt. Kein Deutschlehrer ist mehr auf die veralteten Bücher angewiesen, es sei denn, Länder und Kommunen hätten das Geld für die Neuausstattung der Lernmittel-Bibliotheken noch hintangehalten.

Diese Lesebücher können und dürfen nicht nur Gegenwartsliteratur bieten; Einseitigkeit überhaupt ist zu vermeiden. Es wäre schlimm, wenn durch eine Beschränkung des Literaturunterrichts auf das gerade Gegenwärtige der allenthalben festzustellende Schwund des historischen Bewußtseins immer weiter gefördert würde. Robert Minders – gewiß idealisierender – Hinweis ist auch für uns beherzigenswert: „Schon die Schule sorgt dafür, daß das Kind eng vertraut wird mit den großen Texten (der französischen Klassiker), in strenger Zucht sich sprachlich an ihnen bildet und zugleich sehr früh einen klaren Überblick über das Wirken der Schriftsteller in ihrer jeweiligen Epoche erhält, eine fundierte kulturell-soziale Standortbestimmung.“

Klaus Wagenbach, dessen profilierter Verlag aus dem literarischen Leben schon nicht mehr wegzudenken ist, hat ein Lesebuch besonderer Art vorgelegt –

„Lesebuch – Deutsche Literatur der sechziger Jahre“, herausgegeben von Klaus Wagenbach; Verlag Klaus Wagenbach, Berlin; 190 S., 5,80 DM.

Das Nachwort des Herausgebers bezieht sich ausdrücklich auf die Misere des gängigen Schullesebuches: „Nicht von ungefähr bevorzugen die schulplanmäßigen Lesebücher die Poesie der stillen Dinge und schönen Gesten, nicht von ungefähr gehen in ihnen anständige und gesunde Menschen ordentlich ihrem Tagwerk nach, abseits Horn Kapitalismus, nicht von ungefähr handeln sie von der ewigen Natur, vom ewigen Staat und der ewigen Mutter.“ Solche pauschale Anklage, in heutigen Auseinandersetzungen mit dem Hang zur Freund-Feind-Polarisierung nicht unbeliebt, nimmt sich mittlerweile doch zu undifferenziert aus. Die Tatsachen sehen heute etwas anders aus.

Das schmale Buch hat ein dezidiertes Programm, mit dem „einige Anschläge auf Schulbuchgepflogenheiten bewußt verübt“ werden sollen: 1. Kein Text wurde gekürzt. 2. Die Autoren wurden honoriert. 3. Die Einteilung nach Gattungen unterblieb.

So bietet das Bändchen keine „Häppchenliteratur“ (was die Benutzung von Lesebüchern ohnehin stets fragwürdig macht), sondern Texte in originaler Länge und Kürze. Eine neue Komplikation stellt sich natürlich sofort ein: Hat ein Autor im genannten Zeitraum nur Texte geschrieben, deren Umfang die knappen Grenzen eines Lesebuchartikels sprengt, wird er wohl oder übel nicht präsentiert. Schlechte Zeiten könnten das sein für einen Thomas Mann oder Robert Musil oder Hermann Broch, und nur der originalen Kürze wegen auf beiläufige Skizzen oder theoretische Äußerungen auszuweichen, wäre sicherlich wenig befriedigend. Mir scheint denn auch die Wahl von Max Frischs Rede „Öffentlichkeit als Partner“ und Friedrich Dürrenmatts „Schriftstellerei als Beruf“, selbst wenn sie die Verfasser selbst getroffen haben, eher vom Zwang des Prinzips „Keine Kürzungen“ gesteuert zu sein, als der literarischen Werkstatt dieser Autoren in den sechziger Jahren gerecht zu werden.

Wagenbach hat allerdings für sein Prinzip eine (scheinbar) bündige Begründung zur Hand: Kategorien, nach denen gekürzt werde, ließen sich nie begründen. Irgendeine Autorität entscheide, die es besser wisse. „Autor und Schüler werden für unmündig erklärt.“ Das liest sich zeitgerecht, aufklärerisch, fortschrittlich. Doch darf gefragt werden, ob die Dinge so einfach in das gängige Schema vom Autoritären und Antiautoritären gepreßt und die kürzenden Herausgeber von Textsammlungen, deren es einige passable bekanntlich gibt, kurzerhand als autoritäre Bevormunder abgetan werden können. Lesebücher können immer nur ein Angebot und eine Ermunterung zu ausgreifenderer Lektüre sein. Auch der Umstand der Auswahl an sich wäre im gleichen Sinne schon „autoritär“.

Wagenbachs Prinzip, nur passend kurze Originaltexte aufzunehmen, ruft nach einem ergänzenden Anhang des Bändchens, wie er ihn im „Tintenfisch“ schon geboten hat: einer Bibliographie der Literatur der sechziger Jahre.

Noch ein Vorwurf

Über den zweiten Punkt braucht kein Wort mehr verloren zu werden. Es gibt keinen stichhaltigen Grund für die skandalöse Tatsache, daß für den Abdruck von Texten in Schullesebüchern kein Autorenhonorar gezahlt wird. Ein Ende dieser Ausbeutung von Schriftstellern scheint sich jedoch, wenn die öffentliche Diskussion nicht trügt, abzuzeichnen.

Die sonst oft übliche Gliederung nach Gattungen (Punkt 3) hilft in der Tat für die Erkenntnis des Funktionierens von Sprache im literarischen Werk und für das Verstehen der dialektischen Einheit von Inhalt und Form wenig weiter, zumindest nicht in moderner Literatur, für die normative Poetikbestimmungen belanglos sind. Der Blick auf vermeintliche und immer vom Herkömmlichen abstrahierte Gattungsgesetzlichkeit behindert den Zugang zum Neuen. Die Literaturwissenschaft, mit historischem Gepäck beladen, tut sich schwer damit, das ist nicht zu bestreiten. Folgerichtig zieht sich durch fast alle theoretischen Schriften heutiger Schriftsteller die Klage über die schwerfällige Wissenschaft.

Doch der Vorwurf Wagenbachs, die gegenwärtige deutsche Literatur werde „den Schülern und Studenten ja nicht nur ferngehalten, weil ihre pure Gegenwärtigkeit jedem Kanon unvergänglicher Klassizität widerspricht, sondern auch, weil sie von einer formalen und inhaltlichen Offenheit bestimmt wird, die – zugegebenermaßen – gesellschaftlich schwer verwertbar ist“ – dieser Vorwurf trifft (so hoffe ich wenigstens!) so summarisch nicht zu; sonst wäre Abhilfe dringend geboten. Literaturunterricht, gleich auf welcher Stufe, der nicht wenigstens Wege zur Gegenwartsliteratur öffnet und begehbar macht und auch nach dem möglichen Ort von Literatur in der Gesellschaft fragt, wird fruchtlos museal. Wagenbachs Nachwort will dem Leser hier helfen.

So ist dieses kleine Lesebuch lebhaft zu begrüßen. Fast sechzig Schriftsteller legen eine Probe ihrer Arbeiten vor. Wenngleich das Buch äußerlich nicht gegliedert ist, zeichnen sich in der Abfolge der Beiträge große thematische Bereiche ab: deutsche Vergangenheit, die „nicht bewältigte“ und nicht zu bewältigende, die in die Gegenwart hereinragt; Gegenwart, die mit Vergangenem unlöslich verquickt ist; Leben in den gesellschaftlichen Bedingungen, die sich herausgebildet und bedrückend verfestigt haben; Versuche, mit den verkürzenden, selbst kritische Erkenntnis inaugurierenden Mitteln literarischer Sprache Widersprüche in der Gesellschaft freizulegen; Betrachtungen über die Lage des Schriftstellers.

Nichts scheint es für die Autoren zu geben, was zu „rühmen“ wäre; nur Fehlentwicklungen, Vergeblichkeiten, Verlust der Hoffnungen, die die ersten Jahre nach 1945 noch beflügelten. Und an die gegebenen Möglichkeiten ständigen Veränderns rührt leider kaum ein Wort. Doch wer „das Positive“ zu sehr vermissen sollte, muß sich daran erinnern, daß in den anonymen und anonymisierenden Zwängen der differenzierten (und irreversiblen) Massengesellschaft Literatur, will sie sich nicht an die Zwänge verlieren und ästhetisch verdoppelnde Bestätigung werden, nichts anderes sein kann als Widerruf; was auch noch gilt für Nischen des ,,Lyrischen“, die sich als das inselhafte Andere äußerlich absondern mögen von den Konflikten des Realen. Das „Negative“ selbst ist der Raum des möglichen „Positiven“.

Freilich, wer sich als Schriftsteller auf den konkreten Streit der Antagonismen bezieht und ihn in seine Textversuche hineinnimmt (und wie anders sollte das „Amt des Dichters“ heute beschaffen sein?), der kann nicht ausweichen vor mühselig genauer Analyse, wenn seine sprachlichen Zeichen nicht beliebig und bloß dürftige falsche Subjektivität sein sollen oder auch allzu schnelle Vereinfachung.

Widersprüche statt Sinnsprüche

Und dabei geraten wir natürlich sogleich ins formelfreie und ungesicherte Gebiet der Literaturkritik, der Frage nach der Qualität der literarischen Zeugnisse. Leider klammert der Herausgeber diesen Komplex in seinem Nachwort über „Möglichkeiten, Fragen an die jüngere deutsche Literatur zu stellen“, ganz aus. Er gibt dort den Lesern Fragevorschläge an die Hand; denn Lektüre im Sinne dieser Literatur, die nicht als Aufforderung zu perfekten Antworten zu verstehen sei, heiße nicht nur, „Fragen an solche Texte zu stellen, sondern die in ihnen gestellten Fragen zu entwickeln, den Widerspruch in Widersprüche aufzulösen, nicht in Sinnsprüche“. Wagenbach scheint sich, wenigstens hier, mit dem einen Qualitätsmerkmal zu begnügen: daß Literatur Anweisung zu fortwährendem Fragen vermittle. Jedoch wird die nicht gestellte fortwährende Frage nach dem spezifisch Literarischen (denn warum sonst nicht auch Beiträge von Journalisten, Historikern, Kritikern?) und nach der Qualität der Texte den Leser nicht in Ruhe lassen. Übrigens sind die von Wagenbach formulierten Fragen großenteils kaum anders als solche, die meiner Kenntnis nach auch in den verpönten germanistischen Seminaren an Texten erörtert werden.

Literatur der sechziger Jahre? Bei einem Buch, das bereits 1968 erschien, kann von einer Jahrzehnt-Präsentation nicht die Rede sein, und Ilse Aichingers (schwacher) Text ist schon 1957 veröffentlicht worden. Und das „Neueste vom Tage“ an sprachlichen Experimenten ist eher auf losen Blättern zu finden als hier, wo die Namen Jürgen Becker, Peter Handke, Franz Mon wohl die vorgeschobensten Positionen bezeichnen.

Es ist indes müßig, einer Anthologie nachzurechnen, was alles sie nicht bringt. Wenn dennoch fehlende Namen genannt werden, so nur deshalb, weil der Herausgeber ermuntert werden soll, es bei diesem Lesebuch nicht bewenden zu lassen. Vielleicht erscheinen dann auch – ebenso ungetrennt in westliche und östliche deutsche Autoren wie schon jetzt – Texte von Alfred Andersch, Reinhart Baumgart, Rolf Dieter Brinkmann, Günter de Bruyn, Peter O. Chotjewitz, Herbert Eisenreich, Gisela Elsner, Peter Härtling, Günter Herburger, Kay Hoff, Georg Maurer, Hermann Kant, Erik Neutsch, Hans Erich Nossack, Dieter Wellershoff, Christa Wolf, Gerhard Zwerenz.

Ich bin sicher, daß nicht nur Schüler und Studenten auf die Fortführung des nützlichen Unternehmens warten.