Von Ulrich Kaiser

Seit dem 25. Juni 1969 gibt es im internationalen Tennis ein Resultat, das man zu den großen Höhepunkten dieses Sports zählen muß – ähnlich wie die Ringschlachten des alternden Mittelgewichts-Boxweltmeisters Sugar Ray Robinson, wie Winklers Ritt auf Halla 1966 in Stockholm, wie Harbigs Lauf gegen Lanzi. Die neue Legende wurde in der ersten Runde der 83. All England Championships in Wimbledon geboren. Das ist zugegebenermaßen noch kein überwältigendes Ereignis; 128 Tennisspieler nehmen daran teil, es gibt 64 Verlierer, 64 Sieger. Einer davon war Pancho Gonzales. Er schlug seinen aus Puerto Rico stammenden amerikanischen Landsmann Charles Pasarell mit 22:24, 1:6, 16:14, 6:3, 11:9.

Dieses Match dauerte fünf Stunden und zwölf Minuten, es war wegen einbrechender Dunkelheit nach den ersten beiden Sätzen unterbrochen worden. Die beiden Kontrahenten trugen 112 Spiele aus, mehr als je in irgendeiner Begegnung der fast hundertjährigen Geschichte dieses Turniers. Etwa fünf- bis sechshundertmal schlugen sie auf, hart und konzentriert, um dem Gegner möglichst keine Chance zum Return zu geben. Sie legten etwa dreißig Kilometer in immer wieder neuen, kleinen Sprints zurück. Die Sonne prallte zumindest am zweiten Tage heiß in das Tennis-Stadion. Der Sieger Pancho Gonzales, dessen Eltern einst aus Mexiko einwanderten, wurde am 9. Mai 1928 geboren. Er ist 41 Jahre alt, Pasarell 16 Jahre jünger.

Dr. Sandys, ein rüstiger Anfangsiebziger, der seit weit über vierzig Jahren die ärztliche Betreuung der Spieler in Wimbledon wahrnimmt, erschien später – sich den Schweiß von der Stirne wischend – in der Pressebar des Centre Courts. „Ich habe die Schlachten von Cochet und Tilden gesehen. Aber dieses war mehr als alles bisher Dagewesene. Nicht nur ein großes Spiel, sondern ein menschliches Drama!“ Der würdige Herr betrieb mit dieser enthusiastischen Formulierung noch fast ein Understatement. Ein britischer Kollege sagte es fast brutal: „Der alte Mann braucht das Geld. Er muß drei Frauen ernähren, von denen er geschieden ist, und fünf Kinder!“

Pancho Gonzales hat in seiner langen Karriere viele große Meisterschaften gewonnen, aber nie das Turnier in Wimbledon. Er nahm als Amateur auch nur einmal daran teil: 1949 verlor er in der vierten Runde gegen seinen Landsmann Geoff Brown. Wenige Wochen später unterzeichnete er bei Jack Kramer, dem Herrscher über alle Tennisprofessionals damals, einen Berufsspieler-Kontrakt. Kramer, Wimbledonsieger 1947, war damals selbst noch aktiv und ließ dem jungen Feuerkopf noch fast fünf Jahre keinen Stich. Erst dann – in der Zeit von 1954 bis 1960 – galt Pancho Gonzales als der beste Spieler der Welt. Seine harten Aufschläge waren zu jener Zeit für die Gegner so gut wie unannehmbar, er verstand es wie kein anderer, den weißen, filzumspannten Ball zentimetergenau zu placieren. Und er war schrecklich in seinem jähen Zorn. Im alten Madison Square Garden in New York getraute sich einmal ein Verkäufer von Erfrischungsgetränken, seine Ware genau in dem Moment anzupreisen, als Gonzales sich für den Aufschlag konzentrierte. Der Tennisspieler visierte kurz und schoß den Ball über dreißig Meter zielsicher an den Bauchladen, eine tiefe Beule zurücklassend.

Im Centre Court des Tennismekkas buhten und johlten die Zuschauer wie noch nie in der langen Geschichte des Turniers, als Pancho Gonzales vom Platz stürmte, er hatte geschrien, gestikuliert, seinen Schläger über den Platz gefeuert, daß ein Balljunge sich nur mit einem geistesgegenwärtigen Sprung zur Seite zu retten vermochte. Pancho Gonzales versuchte dem Schiedsrichter auf dem überdimensionalen Kinderstühlchen klarzumachen, daß es zu dunkel sei. Aber der ignorierte die dringenden Forderungen, obgleich auch er die Aufzeichnungen in seinem Block nur noch mit Mühe zu entziffern vermochte. Erst nach dem zweiten Satz – es stand 24:22, 6:1 für Pasarell – entschied der schnauzbärtige Mike Gibson, Herrscher über Plätze und Zeitpläne in Wimbledon, daß man die Fortsetzung des Kampfes auf den nächsten Tag verschieben wolle. Wenn es eine Tür am Ausgang der Spieler gegeben hätte – Pancho Gonzales hätte sie hinter sich zugefeuert, daß der Kalk der alten Tenniskathedrale von den Wänden gerieselt wäre.

Etwa 22 Stunden später spendeten die 15 000 Menschen in der Arena dem alten Mann stehend eine Ovation. Er hatte die drei nächsten Sätze für sich entschieden. Ein halbes Dutzend Mal fehlte dem Jüngeren nur noch ein einziger Ball zum Sieg, aber Pancho Gonzales holte unmenschliche Reserven aus seinem Körper, wehrte den Ansturm ab. Einmal tat er es, indem er einen harten Flugball seines Gegners Volley aufnahm und als seidenweichen Lob über die Reichweite Pasarells hinweg in das Feld des anderen plumpsen ließ. Ein anderes Mal spielte er einen scharfen Crossball als Stop zurück, und der Ball fiel wie eine alte Kartoffel tot über das Netz. Später kommentierte er diese varietéreifen Kunststücke für das Fernsehen: „That’s just nothing, just chicken food.“ Die englische Sprache ist für derartige Äußerungen wie geschaffen.