Von Carl-Christian Kaiser

Ohne zu merken, was seine Hände taten, klappte Kurt Georg Kiesinger den gelben Pappdeckel, in den er seine Notizen gesteckt hatte, zu und wieder auf, rollte ihn zusammen, hob ihn wie einen Feldherrnstab in die Höhe – fortgerissen von der Vision, bei der er am Ende seiner fast zweistündigen Rede angelangt war: der Vision von einer Jugend, die von Fatalismus und zerstörerischer Weigerung läßt, die die großen Chancen begreift und nutzt, welche ihr die Welt der Automaten und Maschinen als Vehikel des Wohlstands und Fortschritts bietet, und die ihre Väter wieder versteht, welche diese Welt vor einem Vierteljahrhundert erst aus Trümmern mühsam aufgebaut haben. Daß es so kommen möge und kommen werde, war des Kanzlers Hoffnung, und nicht zufällig gebrauchte er in diesem Augenblick kein Wort, das mit "dreinschlagen", "hart anpacken" oder "durchgreifen" hätte in Verbindung gebracht werden können.

Ohnehin hatte Kiesinger sich im Laufe seiner Rede zum Abschluß des Essener Wahlkongresses der CDU immer weiter vom üblichen Wahlkampfton entfernt und jedem Thema sehr persönliche Färbungen gegeben. Daß er allzu polemische Töne scheut, ist nicht nur ein Gebot der Klugheit an der Spitze einer Großen Koalition, die bis zum Wahltag weiterarbeiten soll, sondern erklärt sich wohl auch aus seinem Naturell. Das hatte sich bereits am Vorabend des Kongresses gezeigt, als die CDU mittels Fernsehen ihren Parteivorsitzenden und Kanzler verfünffachte. In fünf Parteiversammlungen im weiteren Umkreis von Essen erschien Kurt Georg Kiesinger auf vier mal sieben Meter großen Leinwänden, um eine Stunde lang Fragen aus den Auditorien zu beantworten – er selbst, fern von Publikum und Apo, in einem improvisierten, mit Decken und Holzwänden abgeteilten Studio in einem der Nebenräume des städtischen Saalbaues zu Essen.

Auf diese Fernseh-Konferenz-Schaltung,"CDU-Tele-Dialog" getauft, ist die Partei besonders stolz. Sie hat sich die Sache auch etwas kosten lassen. Allein die Postgebühren für die Leitungen machten 45 000 Mark aus. Aber mochte es nun daran liegen, daß die Technik doch zu technisch war, daß die zusammen rund 4000 Zuschauer und Zuhörer in den Versammlungen zwar den Kanzler, der Kanzler aber nicht sie sehen konnte, mochte es ferner daran liegen, daß er auch hier der Linie staatsmännischer Zurückhaltung folgte – der Dialog verlief recht spannungslos, obwohl manche Fragen mit einigem Pfeffer versehen waren. Der televisionäre Umgang mit dem Wahlvolk wirkte ziemlich steril. Selten blickte Kiesinger direkt in die Kameras; meist hielt er die Augen gesenkt, oft sprach er wie meditierend, und zu Ausfällen gegen den Koalitionspartner ließ er sich schon gar nicht hinreißen.

Die Aufgabe, die SPD als den ausschließlichen Wahlkampfgegner zu attackieren, ist anderen übertragen. In Essen war sie Bruno Heck, dem Generalsekretär der CDU, zugefallen. FDP oder gar NPD ließ Heck nicht gelten: bedeutungslos die einen, völlig unakzeptabel die anderen, so daß, wer sich politisch entscheiden wolle, zwischen CDU und SPD zu wählen habe. Und wie schon bei früheren Gelegenheiten in diesen Wochen des Vorwahlkampfes demonstrierte die Union abermals ein Maß an Selbstbewußtsein und Erfolgssicherheit, das ihren tiefen Schock im Spätherbst 1966 wie ungeschehen erscheinen läßt. "Wir haben nicht vergessen, daß die Sozialdemokraten und Willy Brandt im Dezember 1966 nicht bereit waren, die Verantwortung für die deutsche Politik zu übernehmen; die Freien Demokraten hatten ihnen Kanzler und Koalition angetragen" – solche Sätze, die die damalige Situation nicht nur auf atemraubende Weise vereinfachen, sondern auch die tiefe Erleichterung über die Hilfe der SPD vergessen machen, gehen Bruno Heck und anderen heute wie selbstverständlich über die Lippen.

Mit diesem neugewonnenen Selbstbewußtsein fällt es dann leicht, die Sozialdemokraten als Leute zu porträtieren, die zwar recht ordentlich seien, die man aber an die Hand nehmen müsse. Kurz gesagt: sie seien immer noch unsichere Kantonisten. Und mit dieser Grundmaxime, die nicht ausgesprochen, aber nahegelegt wird, weiden die Christlichen Demokraten mit ihrem bisherigen Regierungspartner vor allem auf zwei Gebieten ins Gericht gehen: in der Deutschland- und in der Wirtschaftspolitik. Befindet sich da SPD nicht doch auf der Straße zur Anerkennung der DDR wie der Oder-Neiße-Linie? Und läuft das Konzept des Berliner Bürgermeisters Schütt nicht darauf hinaus, eine, wie Heck sagte, "europäische Friedensordnung um die eingemauerte deutsche Frage herum" zu schaffen? Ist es das Mehrdeutige, das Schwebende, Unbestimmbare, die schillernde Sprache, das Illusionäre, frage der CDU-Generalsekretär, was das spezifisch Sozialdemokratische in der Friedenspolitik ausmache? Die CDU jedenfalls habe nichts zu verschweigen, sie habe nichts in nebulöse Formulierungen gehüllt.

Ganz ähnlich in Sachen Wirtschaftspolitik und Schiller: Heute nenne die SPD modern, was für die CDU schon seit mehr als 20 Jahren die gute, alte soziale Marktwirtschaft sei, und für Professor Erhard möge es eine späte Genugtuung sein, daß sich sein Konzept als fruchtbar genug erwiesen habe, um aus einem Sozialdemokraten ein, wie Heck sagte, "Wundermännchen" zu machen Doch Schillers rascher Sinneswandel in der Aufwertungsfrage sei einfach nicht mehr seriös gewesen, habe zu einer "Aufwertungskomödie" geführt. Dafür aber, daß die Kasse stimme, habe man ja "unseren Franz Josef Strauß". Rauschender Beifall.