Nur wenige Historiker können die Freude genießen, eine verschollene Geschichtsquelle entdeckt zu haben. Hermann Weber, der westdeutsche Kommunismus-Forscher, ist einer von diesen Glückspilzen. Als er in New York im Nachlaß Paul Levis (s. nebenstehenden Artikel) stöberte, stieß er auf große Teile des stenographischen Protokolls vom Gründungsparteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands. Seit dem sogenannten Spartakus-Aufstand im Januar 1919 galt dieses Protokoll als verschollen. Weber hat nun alle verfügbaren Unterlagen – das gefundene Protokoll, die bereits früher gedruckten Reden von Rosa Luxemburg und Karl Radek und die in der Presse veröffentlichten Resolutionen – geordnet und zusammengestellt:

Hermann Weber (Hrsg.): „Der Gründungsparteitag der KPD. Protokoll und Materialien“; Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt/M. 1969; 345 Seiten; kart. 15,– DM, Ln. 22,– DM.

Diesem tadellos edierten Buch hat Weber wertvolles Informationsmaterial angehängt: das Spartakus-Programm, das erste Parteistatut, eine Teilnehmerliste und biographische Angaben über 99 von den 127 Delegierten.

Zum erstenmal kann man jetzt die Diskussionsreden jenes Parteitages nachlesen. Mit einiger Überraschung wird man registrieren, daß sich die Delegierten von den Argumenten solch angesehener Sozialistenführer wie Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Leo Jogiches und Paul Levi keineswegs immer überzeugen ließen. Ein Berliner Delegierter hatte den Beifall der Mehrheit hinter sich, als er der Spartakus-Zentrale, die zu dem Kongreß eingeladen hatte, autoritative „Machination“ vorwarf: „Wir haben uns freigemacht von der Autoritätsduselei unserer Führer!“ Der Grund ist nun akten- und offenkundig: Diese Reichskonferenz der deutschen Linksradikalen sollte ursprünglich nur die Gründung einer neuen Partei vorbereiten; sie war überstürzt einberufen worden, mangelhaft geplant und fast nur von Funktionären aus dem zweiten und dritten Glied beschickt. Karl Radek, der Abgesandte der russischen Bolschewiki, sprach hernach ein hartes, aber gerechtes Urteil: „Der Parteitag demonstrierte grell die Jugend und Unerfahrenheit der Partei. Die Verbindung mit den Massen war äußerst schwach. Ich fühlte nicht, daß hier schon eine Partei vor mir war.“

Stürmische Unmutsbezeugungen erntete Paul Levi, als er im Auftrag der Zentrale empfahl, die neue Partei solle sich an der Wahl zur Nationalversammlung beteiligen. Von aktuellem Reiz ist die Diskussion, die seinem Referat folgte: sie bündelt wie in einem Brennpunkt all jene Argumente, die in den Auseinandersetzungen der antiparlamentarisch-antiautoritären Neuen Linken wiederkehren. Die Radikalen hielten die Rückkehr ins Parlament, das mit Sicherheit von den bürgerlich-kapitalistischen und den sozialdemokratisch-reformistischen Parteien beherrscht sein würde, für eine Kraftvergeudung, für einen schädlichen Opportunismus, für einen Verrat an den Idealen der Revolution. Sie wollten statt dessen „den Kampf im Betrieb und auf der Straße“ organisieren.

Vergebens warnte Rosa Luxemburg vor diesem anarcho-syndikalistischen Putschismus, der sich mit revolutionär-romantischer Träumerei paarte: („Ihr wollt euch euren Radikalismus ein bißchen bequem und rasch machen“). Gegen die Selbstüberschätzung der Radikalen war kein Kraut gewachsen. Sie wollten nicht wahrhaben, daß die überwiegende Mehrheit des deutschen Volkes, vor allem die Massen der zum erstenmal wahlberechtigten Frauen, ihnen fernstand und noch nicht einmal für das Rätesystem reif genug war. Sie wollten nicht auf den frühliberalen Optimismus der Rosa Luxemburg setzen, daß einzig und allein das Wort, das bessere Argument entscheide. Sie verschlossen die Augen vor der Tatsache, daß, wie es einer formulierte, leider auch die Maschinengewehre in größerer Anzahl „bei den anderen“ waren, bei der Konterrevolution.

Rosa Luxemburg hat nachher versucht, die Bedeutung des Wahlboykotts herunterzuspielen, zumal die wichtigsten Punkte des von ihr entworfenen Programms unangefochten blieben: „Unsere ‚Niederlage‘ war nur der Triumph eines etwas kindischen, unausgegorenen, gradlinigen Radikalismus.“ Vierzehn Tage nach dem Parteitag hat dieser realitätsblinde Radikalismus die junge Partei ins Verderben geführt. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wurden von der Konterrevolution ermordet. Die demokratische Variante im deutschen Kommunismus war erstickt. Welche Möglichkeiten in dieser Partei gesteckt hätten, wäre ihr Wachstum nicht so einschneidend gestört worden – davon legt das wiedergefundene Protokoll beredtes Zeugnis ab. K. H. J.