Experimente und Exkursionen vertragen sich gut. Wenn die Dritten (Fernseh-)Programme ihren Sinn haben sollen, dann erweist er sich zu erheblichen Teilen in der Chance, ohne Angst vor Ein- und Abschaltquoten experimentieren zu können. Nun unternahm diese elektronische Experimentierbühne ihren ersten großen Abstecher: nach London.

Das "German Institute", dessen Hauspatron selbstredend Goethe ist, hatte mit dem Kölner Westdeutschen Fernsehen, das namens und im Auftrag aller Dritten TV-Stationen auftrat, eine Art Mini-Festival arrangiert. Eine Woche lang wurde da in Beispielen und Ausschnitten (und in Farben, was für England noch weithin den Reiz des Ungewöhnlichen hat!) einem kritischen Publikum vor Augen geführt, was diese Dritten Programme in der Bemühung um neue Stoffe und Formen riskieren.

Swinging London stand zwar weder kopf noch Schlange wegen dieser deutschen Invasion bewegter Bilder. Aber eine ansehnliche Schar interessierter Geister, unter ihnen manche, die es vor Jahrzehnten aus Berlin oder Wien auf die Insel verschlagen hatte, füllte an, fünf Abenden das sonst so stille Haus; erschreckt die einen, erstaunt die anderen und manche sogar entzückt. Sie ließen sich zeigen und sagen, was man in der Bundesrepublik Deutschland meint, wenn man (nun aufs Fernsehen bezogen) vom Dritten Programm spricht, einer Einrichtung, die der Idee und dem Wort nach, freilich ohne Bilder, einst aus England gekommen war, um eine Trademark für Anspruchsvolle zu bleiben. Einige der betagten Intellektuellen, deren Muttersprache Deutsch ist, mag es bewegt haben zu sehen, daß die Generation ihrer Enkel sich in dem neuen Medium so einfallsreich und wagemutig bewegt, wie sie es in den zwanziger Jahren beim Film, auf der Bühne und in der Literatur vorgemacht haben.

Das Gastspiel endete, ein englisches Vorbild mit dem deutschen Abbild amalgamierend, mit einer Diskussion: Hyde Park Corner im Goethe-Institut. Zwischen Bücherwänden, Saar-Spätlese und Fernsehkameras wollten sich ein paar Zunftgefährten die Meinung sagen über "Fernsehen zwischen Bildung und Geschäft". Das britische "Geschäfts"-Fernsehen ITV war mit dem eindrucksvollen Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kopf von Brian Connell vertreten, einem weltweit bekannten Bildschirm-Journalisten, der eben erst (mit seinem kaum weniger bekannten BBC-Kollegen Cliff Michelmore) den britischen Thronfolger interviewt hat. Nur durch den deutschen Moderator von ihm getrennt, saß Stuart Hood neben ihm, ehemaliger BBC-Programmdirektor und heute Fernsehproduzent und Fernsehkritiker (beim "Spectator"). Melvin Lasky nahm es hin, daß er als New Yorker, wo er geboren ist, als Berliner, wo er, einst den "Monat" gegründet und herausgegeben hat, und als Londoner, wo er jetzt den "Encounter" leitet, vorgestellt wurde. Mit besonderem Respekt begrüßte das Auditorium Kamil Winter, der jetzt zum zweiten Male in seinem Leben in Großbritannien Zuflucht gefunden hat, nachdem er seine Position als Chef der Aktuellen Abteilung beim Prager Fernsehen aufgeben mußte. Als deutsche "Beisitzer" waren Hans Bluhm, der Chefredakteur von "Hör zu", und Dr. Hans Joachim Lange, ehedem WDR-, neuerlich SWF-Fernsehdirektor, in die internationale Runde integriert.

Selbstkritisch, wie gebildete Leute sein können, auch wenn sie mit Fernsehen zu tun haben, meinte der deutsche Gast aus Baden-Baden, Bildung sei ein Endzustand, der genauso – und vielleicht besser – mit anderen Mitteln als denen des Fernsehens erreicht werden könne. Stuart Hood und Hans Bluhm waren sich schnell über eine linguistische Verschränkung einig: Ein Engländer nimmt, wenn er von Bildung sprechen möchte, dieses deutsche Wort in den Mund, während ein Deutscher, wenn er Geschäft meint, gern von "business" spricht.

Der Kritiker aus London sah für sein Land die Gefahr, daß Fernsehprogramme eher als Verkaufsware statt Bildungsgüter angesehen würden, während sein Hamburger Kollege vom Fernsehen zwar die Vermittlung von Wissen, aber nicht die Übermittlung von Bildung zugestehen wollte. Der Partner aus Prag widersprach wiederum seinem deutschen Kollegen: Er sehe in Bildung keine abgeschlossene, sondern eine fortlaufende Aktion, und das Fernsehen könne diesen Prozeß in Gang setzen und in Gang halten. Von Dr. Lange kam erneut eine skeptische Einschränkung:

"Man sollte ins Fernsehen nicht zuviel hineinmystifizieren. Fernsehen ist zunächst einmal nur ein Transportmittel, das beliebig viele Inhalte in beliebig vielen Gewandungen von einem Punkt zum anderen bringen kann."