Das Selbstbewußtsein der Wissenschaftsorganisationen ist gewachsen. Ihre Sorgen, ihre Defizite und ihre Pläne werden von den Politikern willfähriger zur Kenntnis genommen als noch vor zwei, drei Jahren. Aber zu tun bleibt immer noch viel.

Schlecht war das Jahr 1968 nicht, aber der Blick zurück fällt auch auf einige dicke dunkle Punkte. So die Quintessenz aus den Bilanzen, die die Wissenschaftsorganisationen alljährlich im Juli vorzulegen pflegen. Noch immer reicht das Geld, dessen Löwenanteil vom Staat kommt, nicht aus, um mit der Entwicklung überall Schritt zu halten, geschweige denn, um im notwendigen Maße zu expandieren.

Der Etat der Forschungsgemeinschaft betrug 1968 rund 186 Millionen Mark: gegenüber dem Vorjahr eine Zunahme von rund vier Prozent, im Vergleich zur mittelfristigen Finanzplanung der Forschungsgemeinschaft jedoch ein Defizit von etwa 19 Millionen Mark oder fast zehn Prozent. Auf der anderen Seite wächst als erfreuliche Folge des Hochschulausbaus und der Stellenvermehrung die Zahl der Wissenschaftler, die für Forschungsobjekte Zuschüsse begehren. Das zwingt nicht nur zu einer noch schärferen Auslese, sondern wirft auch die Frage auf, wie das Verhältnis zwischen der Dotierung großer Vorhaben mit hohen Unkosten und der Finanzierung kleinerer Projekte befriedigend austariert werden kann. Reichen die Mittel ohnehin nicht aus, so läßt sich ein Patentrezept erst recht nicht finden. „Diese Zwangslage“, resümiert die Forschungsgemeinschaft, „dient sicher nicht der Ausschöpfung des vorhandenen Forschungspotentials.“

Dem Akademischen Austauschdienst macht nach wie vor die Diskrepanz zwischen ausländischen und deutschen Stipendiaten zu schaffen. 4080 Stipendien für Ausländer standen im letzten Jahre 849 Stipendien für Deutsche gegenüber. Zwei Drittel der deutschen Anträge mußten abgelehnt werden, weil die Relation zwischen den für die ausländischen und die deutschen Kandidaten zur Verfügung stehenden Geldern, so Generalsekretär Dr. Scheibe, „einfach eine Katastrophe“ ist. Und vor allem Geldmangel hat auch dazu geführt, daß in etwa 40 Fällen die Bitte ausländischer Universitäten um Entsendung eines Lektors für die deutsche Sprache nicht erfüllt werden konnte. Auf der Haben-Seite: Die Arbeit der Vermittlungsstelle für deutsche Wissenschaftler im Ausland, die 1968 dem Austauschdienst eingegliedert wurde und nicht zuletzt der Rückgewinnung der verlorenen Söhne dienen soll, macht Fortschritte. Auf eine Fragebogenaktion reagierten rund 2000 Wissenschaftler.

Die Alexander-von-Humboldt-Stiftung schließlich, die im vergangenen Jahr die Forschungsarbeiten von 457 ausländischen Wissenschaftlern in der Bundesrepublik unterstützte, sorgt sich darüber, daß sie noch immer keine Stiftung im eigentlichen Sinne ist. Es fehlt ihr an Privatmitteln für ein Stiftungsvermögen. Bei aller von den staatlichen Geldgebern geübten Neutralität ist sie letzten Endes von diesen abhängig, und das um so mehr, als nach dem Subsidiaritätsprinzip Zuwendungen Dritter als Ersatz staatlicher Mittel verwendet werden sollen. Werden die 2,7 Millionen Mark, die ein ehemaliger amerikanischer Humboldt-Stipendiat der Stiftung hinterließ, Schule machen? Mehr private Gelder würden auch der dringend notwendigen Erweiterung des Sekretariats dienen, dessen kleinem Mitarbeiterstab es immer schwerer fällt, mit den derzeitigen und früheren Stipendiaten den unbedingt erforderlichen individuellen Kontakt zu halten. Dieses Jahr ist das 200. Geburtsjahr Alexander von Humboldts; das nur zur Empfehlung den privaten Mäzenen ins Buch der guten Vorsätze.

Carl-Christian Kaiser