Die zweite deutsche Aktien-Hausse der Nachkriegszeit hatte im Juni ihren Höhepunkt erreicht. Vielleicht gibt es im Herbst – vor den Wahlen – noch einen neuen Gipfel. Eine Kurssteigerung von 10 Prozent ist aber das höchste, was die Experten der deutschen Börse noch zubilligen. Und auch diese nur noch vorübergehend.

Diese Prognose steht nur auf den ersten Blick im Widerspruch zu der gegenwärtig noch glänzenden konjunkturellen Entwicklung in der Bundesrepublik, an der zur Zeit auch noch die Aktionäre voll partizipieren. Für 1969 wird mit einem durchschnittlichen Gewinnanstieg von mindestens zehn Prozent gerechnet.

Doch dieser Gewinnanstieg wird sich von jetzt an deutlich verlangsamen. Die meisten Kapazitäten sind voll ausgelastet, der leergefegte Arbeitsmarkt sowie die tariflichen Lohnerhöhungen bringen beträchtlich höhere Personalkosten, und die Zinsen steigen. Schließlich verdient die Absicht der Bundesbank, die Konjunktur im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu dämpfen, durchaus ernstgenommen zu werden. Die Bundesbank wird die Restriktionsschraube abermals anziehen. Wahrscheinlich schon am 17. Juli.

Unbehagen bereitet vor allem die Anwesenheit ausländischer Spekulationsgelder auf dem Aktienmarkt. Dorthin sind sie im Mai nach der verhinderten DM-Aufwertung geflossen. Da es für diese Gelder zur Zeit keine Anlagealternative gibt, bleiben sie in der Bundesrepublik. Das wird sich aber sofort ändern, wenn entweder die US-Börsen einigermaßen zuverlässige Aussichten auf eine Tendenzbesserung erkennen lassen oder wenn es zu einer Neuordnung der Währungsparitäten kommen sollte. Da dies sicherlich für die Mark mit einem Aufwertungseffekt verbunden sein würde, käme es in der Bundesrepublik dann zu einer Konjunkturdämpfung, wie sie so rasch und durchgreifend durch Bundesbank- oder Fiskalmaßnahmen nicht zu erreichen wäre. Wegen der Gefahr eines plötzlichen massierten Aktienangebots nach dem Tage X haben viele Anleger ihre Aktienkäufe inzwischen eingestellt. Einige Banken raten ihrer Kundschaft, die Anlagemittel flüssig zu halten, andere empfehlen als vorübergehende Anlage den Erwerb hochverzinslicher Rententitel.

Mit Recht fragen sich viele Aktiensparer: „Wird die Aktien-Hausse jetzt durch einen jahrelangen Kursverfall abgelöst? Müssen wir unsere Aktien verkaufen, um neuen Verlusten aus dem Wege zu gehen?“

Was mit den deutschen Aktienkursen geschehen wird, wenn der Konjunkturaufschwung gebremst worden ist, hängt weitgehend von der dann betriebenen Wirtschaftspolitik ab. Findet man einen Weg, die Unternehmensgewinne in gesunden Relationen zu den Personalkosten zu halten,sollte sich der mögliche Rückschlag in engen Grenzen halten. Denn anders als 1960 sind die deutschen Aktien im internationalen Vergleich heute nicht überbewertet.

Besser als 1960 ist auch die markttechnische Verfassung der deutschen Börsen. Der Anlagebedarf der deutschen Investment-Fonds ist ungleich höher als damals, bei den Sparkassen wächst die Neigung, Aktien zu erwerben (durch Lockerung der Anlagerichtlinien erlaubt); die geplante Erhöhung des Anteils der für Aktienanlagen in Frage kommenden Mittel bei den Versicherungsgesellschaften vergrößert ebenfalls das für den Aktienkauf bereitstehende Finanzpotential.