Von Helen von Ssachno

Mit Büchern wie dem nun ins Deutsche übersetzten von

Wladimir Woinowitsch: "Zwei Freunde", Roman, aus dem Russischen von Agathe Jais, Nachwort von Alexander Kaempfe; Carl Hanser Verlag, München; 199 S., 14,80 DM

das in Wirklichkeit eine überdehnte Erzählung ist (im Russischen heißt es daher differenzierend powestj, das heißt Kurzroman), hat es seine besondere Bewandtnis: Man begreift seine Eigentümlichkeit erst dann, wenn man in der sowjetischen Literatur einigermaßen bewandert ist. Dann weiß man, daß es für mehreres repräsentativ ist: für die sowjetische Nachwuchsprosa, die dem voluminösen, weltanschaulich verankerten Roman den Abschied gegeben hat; für die Bindung dieser Kurzprosa an die gesellschaftlich relevante Aussage.

Die geschilderte Gesellschaft wird nirgends angegriffen oder in Frage gestellt, aber die Sachlichkeit der Schilderung, die auf jede optimistische Anleihe bei der ablaßerteilenden Zunft verzichtet, tastet Spannungsfelder, Reizflächen und Wundränder ab: in diesem Falle das Phänomen der sogenannten Graphomanie; darunter ist in der Sowjetunion der durch die kommunistische Massenaufklärung und den noch aus dem neunzehnten Jahrhundert stammenden heiligen Schauer vor dem geschriebenen Wort hervorgerufene "Schreibzwang" zu verstehen.

Ein jeder fühlt sich, vor allem in der Lyrik, zum Dichter bestimmt, mit dem Erfolg, daß Legionen von verkrachten Versereimern im poetischen Schmollwinkel herangezüchtet werden, nur weil ihnen irgendeine Redaktion am Anfang ihrer Laufbahn leichtsinnig versichert hat, daß sie für die Poesie begabt seien. Die allgemeine Schulbildung hat hier der Volksseele ein Ventil geöffnet, für das es in keinem anderen Lande auch nur annähernd ein Beispiel geben dürfte.

In vielen Fällen hilft man sich einfach damit, daß man ihre Produkte unter der Rubrik "Gedichte zum ersten Mai" oder "Junge Lyrik" laufen läßt, oder aber man nimmt eine oberflächliche Auslese vor und druckt die besten Arbeiten in einem der dreihundert poetischen Almanache ab, die alljährlich allein in russischer Sprache erscheinen. Einen Ausweg bieten auch die lyrischen Einlagen innerhalb des Rundfunk- und Fernsehprogramms, mit deren Hilfe man ganze Schutthalden von mehr oder minder mißlungenen Gedichten abträgt.