Geld für die Braven

Seit dem 1. Januar 1968 zwingt das als "Förderung" getarnte Filmgesetz die deutsche Produktion systematisch auf den Erfolg an der Tageskasse herab. Das unsinnige Verfahren, nämlich die Förderung der ohnehin finanziell erfolgreichen Produzenten, desavouiert den hohen Anspruch des Gesetzes, "die Qualität des deutschen Films auf breiter Grundlage zu steigern". Es zementiert nur die im ganzen traurige Wirklichkeit der Sexaufklärungs-, Wirtinnen- und Pennäler-Wellen. Da zudem der Gummiparagraph 7 dieses Gesetzes der amerikanischen Filmwirtschaft in Deutschland Tür und Tor öffnet und über den Verkauf der Bertelsmann-Tochtergesellschaft Constantin (des größten deutschen Verleihs, in dessen Hand über ein Drittel der deutschen Filmproduktion und die Kette der Ufa-Kinos liegen) auch bereits verhandelt wird, sieht es um die Zukunft eines anspruchsvollen deutschen Films trüber aus denn je.

Dieser Situation will der Bundesinnenminister nun energisch entgegenwirken und die durch das Filmförderungsgesetz (FFG) geschaffene Lücke mit einer rein künstlerisch orientierten Filmförderung ausfüllen. Drei Maßnahmen kündigte Benda bei den Berliner Filmfestspielen an:

  • Über den Deutschen Filmpreis hinaus die Vergabe von jährlich mindestens sechs Spielfilmprämien in Höhe von 200 000 bis zu (je nach Haushaltslage) 250 000 Mark.
  • Eine Prämie auch für den Regisseur zur Finanzierung eines neuen Films, um sich damit "bei seinem Produzenten gewissermaßen künstlerische Freiheiten im Rahmen der wirtschaftlichen Notwendigkeiten erkaufen" zu können.
  • Eine "qualitativ konzipierte Informationshilfe" für die deutsche Öffentlichkeit, um sie stärker als bisher mit den durch ihre Mittel geförderten Filmen vertraut zu machen.

Das alles klingt so freundlich und großzügig, daß man skeptisch wird.

Zunächst: Die Spielfilmprämie ist gedacht "für gute, etwas neben dem Spitzenniveau angesiedelte Filme". Mit dieser Einschränkung trägt der Minister der Polemik von Seiten der Filmindustrie Rechnung, der Deutsche Filmpreis (in diesem Jahr für Alexander Kluges "Die Artisten in der Zirkuskuppel – ratlos", Peter Fleischmanns "Jagdszenen aus Niederbayern" und Peter Zadeks "Ich bin ein Elefant, Madame") distanziere sich immer mehr vom breiten Geschmack und zeichne nur noch mißglückte Erziehungsversuche oder arrogante Publikumsbeschimpfungen aus, die an der Kasse allemal erfolglos blieben.

Aber der Minister scheint weniger finanzielle als ideologische Kriterien im Sinn zu haben: "Einem Film, der unter sich bleibt, der nur sich selber feiert, der den Menschen verachtet, der gar gegen die Gesellschaft gedreht ist, einem solchen Film muß die Anerkennung der Gesellschaft versagt bleiben. Ihm ist sie ja auch gleichgültig... Die Menschenverachtung, die eigene Brutalität (!), die feindliche Einstellung dem Objekt und dem Zuschauer gegenüber, die sich in so manchem Erzeugnis des Undergrounds zumindest in der Wahl der Mittel nachweisen läßt, vermeiden andere sehr wohl."

Junge Regisseure, die auf eine Prämie zur Finanzierung neuer Projekte spekulieren, wissen also, woran sie sind: Sie werden künftig "sehr wohl vermeiden" müssen, zu ambitioniert, zu aggressiv, zu untergründig oder "gar gegen die Gesellschaft" zu drehen! Das alte Spiel wiederholt sich also: Wie die Protagonisten des einst hoffnungsvollen "Jungen deutschen Films" sich vom FFG korrumpieren ließen und zum sicheren Erfolgsfilm umschwenkten, so werden andere ihre Erstlingsfilme nun auf das positive, aufbauende Klischee hintrimmen, das hier propagiert wird.

Geld für die Braven

Bleibt, auf den dritten Punkt zu hoffen, die Intensivierung der Öffentlichkeitsarbeit. In Berlin sprach Benda noch nicht von einem Plan, dessen Möglichkeiten zur Zeit vom Innenministerium geprüft werden: Ein noch unbekanntes Programm von Filmen, die mit öffentlichen Mitteln gefördert wurden, bis jetzt aber ohne Verleiher geblieben sind und daher noch nicht öffentlich liefen, soll im Herbst vierzehn Tage bis drei Wochen lang in mehreren nach repräsentativen Gründen ausgewählten Städten der Bundesrepublik vorgeführt werden. Man will mit dem Unternehmen testen, ob diese Filme ein Publikum finden, ob also der deutsche Kinobesucher wirklich nur "Helga" und Kolle und alberne Pauker-Streifen zu sehen wünscht; der geheime Druck auf die zu einseitig und vordergründig auf Gewinn zielenden Verleihe ist evident.

Ein Bundesministerium als privates Filmunternehmen mit didaktischen und künstlerischen Ambitionen – darin tut sich ein schlechtes Gewissen über das unselige FFG kund. Noch sind unzählige Rechtsfragen mit der Filmwirtschaft zu klären und widerstrebende Interessen der Produzenten, Verleihe und Filmtheater-Besitzer zu berücksichtigen. Aber es wäre gut, wenn sich die Vorstellungen des Ministeriums verwirklichen ließen – in diesem Fall.