Von Joachim Schwelien

Washington, im Juli

Warum denn so viele Präsidenten von Großfirmen wohl Botschafter und so selten Botschafter Präsidenten von Großfirmen würden – das wollte jetzt, mit einem Anflug verschmitzter Ironie, der Vorsitzende des Senatsausschusses für auswärtige Angelegenheiten, William Fulbright, wissen. Der Mann im Kreuzverhör – der designierte Botschafter Amerikas in Bonn, Kenneth Rush – beantwortete auch diese Frage, wie – schon so manche vorangegangene, zunächst nur mit einem standhaften, ausdauernden Lächeln. Dann rang er sich aber zu dem Bekenntnis durch, er habe sich bereits seit seiner Jugend für Außenpolitik interessiert.

Die Probe aufs Exempel folgte sogleich, als der Senator bohrte, was er denn von der Hallstein-Doktrin halte. Oh, – räumte Kenneth Rush ein –, sicherlich sei sie sehr gut, da sie von Professor Hallstein stamme. Aber die deutsche Regierung sei drauf und dran, sie aufzugeben, belehrte ihn der Vorsitzende. Dann freilich, kam es leicht gequält zurück, ja, er habe sich damit noch nicht so genau befaßt, werde das aber bald nachholen ...

Dieses Hearing, in dem der Senatsausschuß die Nominierung des 59 Jahre alten Geschäftsmannes zum Botschafter in Bonn behandelte, verlief als milder Dialog zwischen Gentlemen; zum Schluß wurde sogar die lange Liste exklusiver Golfklubs erwähnt, denen Kenneth Rush angehört, und tröstend bemerkte einer der Senatoren, wenn es ihm in Bonn zu langweilig sei, könne er ja öfter einmal, nach Schottland eilen und einige Runden den Schläger schwingen. In der Tat – für sein Hobby wird der neue Emmissär des amerikanischen Präsidenten in der Bundeshauptstadt kaum sehr viele gleichwertige Partner finden ...

Seine Ernennung war – das sei einmal ganz undiplomatisch festgehalten – eine Verlegenheitslösung. Nach der Berufung von Henry Cabot Lodge zum Chefunterhändler bei den Pariser Friedensverhandlungen über Vietnam blieb der Bonner Posten fast fünf Monate vakant. Schon sah es so aus, als müßte Bundeskanzler Kiesinger seinen hochsommerlichen (Wahlkampf-)Besuch bei Richard Nixon abstatten, ohne daß es einen amerikanischen Botschafter in Bonn gäbe. Das Weiße Haus war auf der Suche nach einem großen Namen, denn Bonn zählt zu den wichtigsten Posten in der amerikanischen Diplomatie. So wurden prominente „Ehemalige“ der Reihe nach gefragt: Thomas Dewey, einst Präsidentschaftskandidat der Republikaner; General Lauris Norstad, früher Oberbefehlshaber der NATO in Europa; Paul Nitze, Ex-Marineminister und einst Leiter des „kleinen State Department“ im Pentagon, der Abteilung für internationale Sicherheitsangelegenheiten; John McCloy, der unverwüstliche frühere Oberkommissar, und mancher andere.

Doch alle sagten „nein“ zu Bonn. So fiel die Wahl schließlich auf Kenneth Rush, den Präsidenten der Union Carbide Corporation, dem zweitgrößten Chemiekonzern der USA, der in der Liste der führenden Industriebetriebe der Welt an 26. Stelle steht.