Hannover

Einem Heimatvertriebenen aus Schlesien war im Frühjahr im Feuilleton des NPD-Blattes „Deutsche Nachrichten“ (Chefredakteur Adolf von Thadden) ein Artikel aufgefallen: „Wratislaw-Breslau-Wroclaw. Deutsche Stadt im Wandel der Zeiten.“ Die Sache kam ihm bekannt vor. Er brauchte lange, bis er fand, was er suchte: die Nr. 24 der „Deutschen Wochen-Zeitung“ vom 17. Juni 1961. In diesem Blatt, einem Vorläufer der „Deutschen Nachrichten“, hatte ein Hans Georg Schneege unter demselben Titel einen Reisebericht aus Breslau veröffentlicht, der fast Wort für Wort dem Aufsatz glich, der knapp acht Jahre später, am 21. Februar 1969, in den „DN“ erschien – diesmal unter dem Autorennamen Günther Halle.

Niemand wird Herrn Halle schlichtweg unterstellen wollen, er habe von Herrn Schneege abgeschrieben; eher wäre denkbar, hier habe sich ein Autor zwei verschiedene Pseudonyme zugelegt. Zweifel regen sich freilich bei der Vorstellung, einer habe nach acht Jahren eine Stadt wiederbesucht und so wenig Veränderungen bemerkt, daß er seinen alten Bericht buchstabengetreu wiederholen könne. Autor Halle, dies ahnend, zollte also dem „Wandel der Zeiten“ seinen Tribut. Mittlerweile hat nämlich die „polnische Wirtschaft“ in den verwalteten deutschen Ostgebieten einen solchen Aufschwung genommen, daß selbst blindwütige Schreiber die Augen davor nicht mehr verschließen können.

Hatte Autor Schneege 1961 nur „wenige armselige Fuhrwerke mit kleinen struppigen Pferden“ angetroffen, weiß Autor Halle 1969 feine Unterschiede zu setzen: „Nur wenige Autos, aber um so mehr (!) Fuhrwerke mit kleinen struppigen Pferden stehen da.“ Die „zerlumpten, verhungerten und verunstalteten“ alten Frauen und Männer von 1961 wandelten sich 1969 zu schlichten „alten Frauen und Männern“, und sie „betteln“ nicht mehr, sondern „bitten“ jetzt die westdeutschen Besucher um „Schokolade, Zigaretten und Rasierklingen“. Die Lautsprecher kreischen nicht mehr „russische“ Melodien (das klang schon 1961, fünf Jahre nach dem polnischen Oktober, recht unwahrscheinlich), sondern „polnische“. Und der Bahnhofsvorplatz ist nur noch „verödet“, aber nicht mehr „schmutzig“. Die „schlecht gekleideten Menschen“ in den Straßen Breslaus haben statt „hungriger“ nunmehr „sorgenvolle“ Augen bekommen. Angesichts solch unübersehbarer Wandlungen wurde dem NPD-Gast wohler ums Herz: seine „grauenvolle Vision“ von 1961 gerann zu einer „grauen Vision“. Sollte etwa auch die NPD willens sein, von den „Realitäten“ auszugehen? kj