Von Ernst Nef

Es gäbe einen Satz, der unangreifbar sei, "nämlich der, daß man Dichter sein kann, ohne auch irgend jemals ein Wort geschrieben oder gesprochen zu haben". So beginnt Artmanns "Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes" aus dem Jahre 1953.

Als Alibi, als Entschuldigung für eine magere eigene Produktion hatte das Artmann schon damals nicht nötig; die Geringschätzung oder zumindest Relativierung der sprachlichen Realisation des poetischen "Acts", die hier zum Ausdruck kommt, hat bei Artmann viel eher Sorglosigkeit als Enthaltsamkeit in bezug auf die literarische Produktion bewirkt.

So ist das Oeuvre des jetzt achtundvierzigjährigen Autors mittlerweile sehr umfangreich geworden. Es umfaßt Geschichten, Szenen – letztere werden kommenden Herbst in einem fast dreihundertseitigen Band bei Luchterhand erscheinen – und rund vierhundertfünfzig Gedichte, gesammelt in der vorläufigen Gesamtausgabe seiner Verse –

H. C. Artmann: "Ein lilienweißer Brief aus Lincolnshire", Gedichte aus 21 Jahren, herausgegeben und mit einem Nachwort von Gerald Bisinger; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 530 S., kart. 20,– DM.

Gesamtausgaben regen zu Vergleichen innerhalb eines Oeuvres, zur Feststellung der Entwicklung eines Autors an. Nun ist Artmann allerdings ein großer Verwandlungskünstler; entwickelt hat er sich jedoch kaum. Nur bedingt gilt dies freilich, wenn wir die in diesem Zusammenhang interessanten frühen, vor 1950 entstandenen, scheinbar ganz unartmannschen Gedichte berücksichtigen. Ein Teil erschien noch unter dem Pseudonym "Ib Hansen"; ein Beispiel kann für alle stehen: "Im Zimmer dämmeriges Kerzenlicht / das golden alle Gegenstände säumt... / aus irgendwo tickt’s in die Abendstille. / Es schweigt die Welt... / Und vor mir hängt ein mattes Spiegelglas. / In diesem Spiegel seh ich dein Gesicht, / das über meine Schulter blickt, gelöst / und ruhig, ganz als wie ein Bild / das alte Meister schufen, wenn sie träumten / von einem Augenpaar, vielleicht, / wie eines ich in jenem Glase seh."

"... dein Gesicht, das über meine Schulter blickt": vor allem hat hier Rilke dem Dichter über die Schulter geblickt. Dies ist Artmann bei der Niederschrift des Gedichts offenbar entgangen, zum Schaden des Gedichts.