ARD, 1. Programm, Mittwoch, 2. Juli: „Revolution oder Reform?“ – Der Kampf um die Universität

Der Slogan ist alt: die Herrschaft der Ordinarien müsse gebrochen werden – und die ihn prägten, waren Ordinarien, sehr berühmte und sehr konservative Wissenschaftler zum Teil, denen die hierarchische Struktur ihrer gelehrten Fraternität ärgerlich war. (Einer von ihnen hieß Max Kommerell, entstammte dem illustren Kreis um Stefan George und vertrat universitätspolitische Thesen, die ein Vierteljahrhundert nach seinem Tode in philosophischen Fakultäten noch befremdlich anmuten könnten.)

Gegen diese Herrschaft also zog man zu Felde, in einer „Revolution oder Reform?“ betitelten Sendung des Norddeutschen Rundfunks, nannte Zahlen und Daten, ließ Ankläger und Sachverständige, Futurologen und Politiker zu Wort kommen, illustrierte die Thesen mit vertrauten Photographien (ein Mann geht einen Gang entlang, Studenten plaudern vor Büchern, Kiesinger spricht von kaltschnäuzigen Revolutionären, Radikale stürmen im Laufschritt voran); man sagte wir alle sind schuld und was uns not tut, ist eine gehörige Portion Mut, man redete von den Wegen, die neu zu sein hätten, und von der gemeinsamen Aufgabe – wobei offenbar auch diejenigen mit gemeint waren, die da die Hälfte unseres Volkes ausmachen und deren Söhne doch nur ein Zwanzigstel der Studierenden sind: die Arbeiter nämlich.

Von ihnen war so wenig wie von jener Gesellschaft die Rede, deren herrschende Ideologie sich in den Legitimationsversuchen der traditionellen Universität verdeutlicht, deren Widersprüche an den Hochschulen manifest werden und deren Anforderungen die almae matres zu genügen haben: Das – so wurde in der Sendung wieder und wieder betont – sei ihre einzige Aufgabe, die mangelnde Erfüllung dieser Aufgabe ihre gravierende Schuld, wegen der sie es verdiene, zur Verantwortung gezogen zu werden. Nicht kritische Distanz also, nicht Reflexion von industriegesellschaftlichen Vorgängen, nicht Fragen und Gegenmodelle wurden erwartet. Das Bestehende sah sich in keiner Sekunde in Zweifel gestellt, im Gegenteil, die Macht des Gegebenen erschien als ens realissimum, und kein zaghaftes Warum und Wozu wagte sich vor.

War es da ein Wunder, daß die eigentlichen Ursachen der studentischen Revolte überhaupt nicht ins Blickfeld gerieten, daß man die braven Reformer gegen die bösen Revolutionäre ausspielte, obwohl doch gerade die klügsten Reformer sehr genau wissen, daß Veränderungen, die um der Etablierung des Systems und der Effizienz von Zubringerdiensten willen ins Werk gesetzt werden, sich in revolutionärem, Herrschaft negierendem Sinn ausnützen lassen? (Deshalb sind sie für die Reformen!)

Ein Bildschirmblick am Sonntag und Montag, ein Blick auf die Baronin Oppenheim (ich halte es für meine nationale und internationale Pflicht, dem Vollblutsport zu dienen), ein Blick auf den Chef derer von Dohna (unsere Reinigungsfirma eroberte das Saargebiet), ein Blick auf den Großen Zapfenstreich und ein Monitor-Blick auf die Akteure von Daimler-Benz (120 Millionen für Flick und für den Mann an der Werkbank 322 Mark), illustrierte die Misere der Universität als eine Misere dieser Gesellschaft überzeugender als das anspruchsvoll drapierte Potpourri jener Sendung, in der man über Demokratisierung sprach und doch nach einem zweiten Humboldt verlangte: Als wüßte ein einzelner Mann die Zauberformel, die alles erlöst. Ein wenig kritische Theorie, ihr Herren aus Hamburg, hatte euch gute Dienste geleistet. Momos