Wenn ich ein Schweizer wäre und nichts als ein Schweizer (wie Herr von Thadden ein Deutscher ist und nichts als ein Deutscher), so hätte ich vielleicht Verständnis für Herrn Schwarzenbach aus Zürich, der im Parlament zu Bern die Ansichten und Wünsche jener seiner Landsleute vertritt, denen die Fremden ein Dorn im Schweizer Auge sind. Er hat 70 000 Unterschriften für das Verlangen nach einem Referendum zusammengetrommelt. Das heißt: Mit Hilfe einer solchen "Initiative", durch die das Volk Änderungen der Verfassung fordern kann, soll über kurz oder lang den Ausländern tatsächlich das Leben in der Schweiz schwer, wenn nicht gar unmöglich gemacht werden.

Es kommt jetzt nicht nur darauf an, wie das Parlament und die Regierung sich verhalten, sondern auch auf die Stimmung im Volke. Daß es zum Referendum kommt, ist so wahrscheinlich wie das Amen in der Kirche (denn 70 000 Stimmen wiegen schwer in der Schweiz). Zwar darf man annehmen, daß die Mehrzahl der Stimmen gegen den xenophoben Herrn Schwarzenbach zeugen werden; aber sicher ist das nicht. In jedem Falle haben die Fremdenfeindlichen unter den Schweizern ihre Sache effektvoll aufs Tapet gebracht.

Alle Welt wird nun aufmerksam. Es ist wie im Falle unseres Herrn von Thadden: Wie stark, wie schwach er auch sein mag, er hat uns im Ausland einen Ruf verschafft, der keinem Deutschen recht sein kann, noch nicht einmal den Mitgliedern seiner NPD. Denn er hat die Frage aufgeworfen: Wieviel "Nazismus" steckt noch in den Deutschen?

Nein, ich habe kein Verständnis für Herrn Schwarzenbach, der die Frage aufwirft: Wieviel Fremdenfeindlichkeit steckt in den Schweizern?

Man hat ja hie und da etwas läuten, hat womöglich auch einen Eidgenossen stöhnen hören, sein Land sei völlig überfremdet, so könne es nicht weitergehen; Nun, wird das Referendum, das Mittel der "direkten Demokratie", zeigen, was da "in den Tiefen des Volkes" vor sich geht, und uns vielleicht anregen, unseren nächsten Urlaub, wenn’s denn die Alpen sein müssen, anstatt in der Schweiz, im benachbarten Tirol zu verbringen. Doch dies hätte Herr Schwarzenbach gar nicht gern. Touristen, die Geld ins Land tragen, oder Rentner aus dem Ausland, die in Devisen ihren Lebensabend bezahlen, kommen ihm ebensogut zupaß wie den fremdenfreundlichen Schweizern.

Seine Idee ist, den Ausländern grundsätzlich das Wohnrecht in der Schweiz zu beschneiden. Zehn Prozent der Bevölkerung eines Kantons dürften Ausländer sein; mehr nicht, das reiche. So sagt Herr Schwarzenbach. Saisonarbeiter, Grenzgänger, Studenten, internationale Beamte und Würdenträger (Herr Schwarzenbach denkt da zum Beispiel an Genf, den Sitz weltweiter Organisationen) sind hingegen gütigst zugelassen, solange sie gebraucht werden. Die Richtung seiner Gedanken deckt hier jedoch der Antrag auf, daß Gesetz werden müsse, kein Schweizer Angestellter oder Arbeiter dürfe entlassen werden, solange gleichwertige ausländische Kräfte in der Fabrik oder im Büro noch beschäftigt würden. Mit Ansichten wie diesen bringt Schwarzenbach natürlich den Mann, der im Bundesrat die Wirtschaft des Landes steuert, Hans Schaffner, in Bedrängnis, dem er vorwirft, er sei der Hauptschuldige am unerträglichen Zulauf der Fremdarbeiter. Und so hat es denn kürzlich in der Abgeordnetenkammer zu Bern einen rednerischen Zusammenstoß gegeben, wie er in diesem "ruhigsten aller Parlamente" selten ist.

Kurzum, es läßt sich nicht leugnen, daß die schweizerischen Fremdenfeinde, die besonders zahlreich offenbar im Kanton Zürich sind, einen Erfolg davongetragen haben. Und dies in einem Augenblick, da Hoffnungen auf ein besseres Europa, auf ein Europa der nicht zugesperrten Staaten, neu erwachen, auch in der Schweiz. Aber europäisch reden, das ist leicht. Europäisch handeln hingegen ...