Von Christian Schmidt-Häuer

Der tschechoslowakische Schriftsteller und Reformkommunist Pavel Kohout ist nach zweieinhalb Monaten Auslandsaufenthalt in der letzten Woche nach Prag zurückgekehrt – zu einem Zeitpunkt, da die Angriffe der neuen Parteiführung auf alle Reformer immer drohender werden und Kohouts neues Buch mit dem bitter-ironischen Titel „Aus dem Tagebuch eines Konterrevolutionärs“ in seiner Heimat verboten wurde. Das Buch, inzwischen im Deutsch erschienen, sollte der Jugend erklären helfen, wie eine Generation zwanzig Jahre Kommunismus in der CSSR erlebt, erlitten und gestaltet hat. Unmittelbar vor seiner Rückkehr wurde Kohout von Christian Schmidt-Häuer interviewt, der als Korrespondent Ende April aus der CSSR ausgewiesen worden war.

Pavel Kohout, Ihr Sündenregister in den Augen der Konservativen ist lang. Sie sind Unterzeichner der „2000 Worte“, Inspirator der Unterschriftenaktion vor dem Treffen von Čierna. Wenn Sie im Ausland Theaterstücke inszenierten, dann waren Sie angeblicher Organisator der Emigranten, und wenn Sie wieder in Prag arbeiten, wurden Sie von „Rudé Právo“ namentlich als einer der vier Schöpfer rechtsopportunistischer Plattformen bezeichnet – von anderer Seite sogar als Mitanstifter der Selbstverbrennung Jan Palachs. Unmittelbar nach diesem Interview kehren Sie für längere Zeit nach Prag zurück. Was setzen Sie mit Ihrer Rückkehr aufs Spiel?

Kohout: Ich kehre immer wieder nach Prag zurück und wüßte nicht, was ich eben diesmal aufs Spiel setzen sollte. Aber selbst wenn ich etwas aufs Spiel setzte, müßte ich trotzdem zurückkehren, weil für mich die Emigration eine schwerere Strafe wäre als für die anderen. Ich halte das alles, was ich im vorigen Jahr unterschrieben oder selbst geschrieben habe, für richtig. Ich habe in meinem Buch in einem Kapitel die „2000 Worte“ noch einmal zu analysieren versucht, um zu beweisen, daß dies keinesfalls ein antisozialistisches Manifest sein sollte und konnte, daß es in Wirklichkeit die Unterstützung der Dubcek-Führung war. Die anderen Vorwürfe – die Organisation der Emigranten oder die Mitschuld an der Selbstverbrennung von Jan Palach –, das ist natürlich Blödsinn. Ich habe gegen das ZK-Mitglied, das letzteren Vorwurf öffentlich ausgesprochen hat, zwei Anzeigen erstattet. Ich glaube nicht, daß die erste, die Strafanzeige, Erfolg hat, weil er Abgeordneter ist. Aber ich hoffe immer noch, daß er nach dem Zivilrecht zur Verantwortung gezogen werden muß.

Glauben Sie wirklich, daß ein solcher Zivil-Prozeß bei der gegenwärtigen politischen Lage noch möglich ist?

Kohout: Man versucht mich doch zu überzeugen – jedenfalls in unserer Presse –, daß die Gesetzlichkeit weiterhin gewahrt werden soll. Es ist doch unerhört, wenn ein Mensch, ohne die geringsten Beweise zu haben, jemanden vor der gesamten Öffentlichkeit als Mitschuldigen für eine Straftat verleumdet. Nach dem Zivilrecht habe ich ein Anrecht auf die Verteidigung meiner persönlichen Ehre; ich werde diese Anzeige nicht zurückziehen ...

... Sie sprechen von der persönlichen Ehre. Die erste Frage ist doch eigentlich diejenige nach Ihrer persönlichen Sicherheit. Ist diese, wenn Sie zurückkehren, noch gewährleistet?